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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Doktrin widersprochen nnd dem bösen Alter bittere Wahr-heiten gesagt hatte,*) brachte es zu hohen Jahren (acht-undsiebenzig) in denen sie sich bis kurz vor ihrem Todenoch redlich die Früchte ihrer Arbeit und ihres Ruhmesschmecken ließ. Luvli is lits! Von meinen drei Gewährs-männern ist, wie natürlich, der vortreffliche Grimm derbestberatene. Er wandelt schlicht auf dem Wege milderWeisheit. Weder lobsiugt er, wie der alte Schönredner,in schwunghaften Tönen, noch verbessert er, wie dereudämonistische Dialektiker die Natur. Im Grunde sinddoch alle die Verherrlichungen nur eine Verteidigung desAlters. Man könnte sagen: cz^ui l'sxouss l'aoouss. Letzteresthut nämlich die allgemeine Sinnesart der Menschen undihre tägliche Redeweise ganz ungekünstelt seit ewigen Zeiten,und wer das in sein Gegenteil umkehren will, läuft insGebiet der Paradoxie hinaus. Drum hübsch bei der Stangebleiben, und wer was Gutes zu sagen weiß, der sage esniit Maß und nur nach der Melodie: es ist nicht so schlimm,wie man meint. So hat es der brave Grimm gehalten,der wahre Jakob. Wer sich näher damit bekannt machenwill, kann es im ersten Band seiner kleinen Schriften nach-lesen. Alle drei genannten Schriftsteller ergehen sich inBetrachtungen über die wirklichen oder nur scheinbar rück-läufigen Bewegungen des Lebens und über die ausgleichendenVorteile, die den Verlusten entgegenzuhalten sind. Sie er-schöpfen das Thema vollständig, und Neues bleibt darübernicht zu sagen.

Dagegen, was keiner der Genannten ins Auge gefaßthat, ist das Phänomen des seelischen Verhaltens desIndividuums zu sich selbst. Mich dünkt, hier liegt derwahre Prüfstein der Sache und zugleich der Pnnkt, bei dem

*) Ebenfalls in derDeutschen Rundschau" 187S.