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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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die optimistische Auffassung, an der wir doch aus Selbst-erhaltungstrieb am meisten interessiert sind, am besten ein-setzt. Ich behaupte nämlich, der alternde Mensch hört nieauf, auch der junge zu sein, der er einst gewesen. Diesist das Geheimnis der Kontinuität des Ich. Beide Teilesind untrennbar. Ohne die Kontinuität, die ununterbrochensich fortsetzende Einheit des Bewußtseins, gäbe es überhauptkein Ich. Diese Einheit ist seine Quintessenz. Der andereerblickt in uns immer nur den Menschen des gegebenenZeitpunktes, darum in fertigen Jahren den Mann, in nieder-gehenden den Greis. Wir selbst tragen jedoch in unsermlebendigen Bewußtsein den ganzen Menschen in der un-trennbaren Totalität seines Daseins, für welche die Zeitfolgeals eine untergeordnete Form der Anschauung zurücktritt,wie sie es für das abstrakte Denken thut, nur noch un-mittelbarer, weil unabhängig von aller Reflexion. Darumsagt mit Recht eine oft gebrauchte Redewendung: es kommtgar nicht darauf an, wie alt man ist, sondern wie alt mansich fühlt; und das nicht durch Krankheit gebrochene Alter(es handelt sich hier überhaupt nur vom gesunden, sagenwir, um allen Einreden vorzubeugen, vom relativ gesundenAlter) fühlt sich daher immer auch nicht gänzlich unjung.Selbst das Vermissen dessen, was vordem eine entschwundeneJugend geboten hatte, ist noch ein Band mit dem Gefühlderselben, und wer im Alter Enttäuschungen erlebt, empfindetdamit in seiner Weise jugendlich. In unserem Gehirn, d. h.in unserem Denkleben, sitzt doch noch, wenn auch vielfachvon der Zeit verändert, der erste Ansatz des Organs, mitdem wir zur Welt kamen, und daß gerade diese ersteGrundlage am meisten der Zerstörnngsarbeit der Zeit Wider-stand leistet, geht daraus hervor, daß die Gedächtnis-eindrücke der Kindheit und frühen Jugend am stärkstenhaften und die späteren vielfach überdauern. Wenn diese

Ludwig Bamberger's Ges> Schriften, I, cz