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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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vorgebrachten Traum könne das Bewußtsein nicht bis zudieser niedrigen Stufe hinabgeschraubt werden. Aberwarum nicht? warf mein Freund ein. Haben Sie nichtmanchmal noch in späteren Jahren geträumt, Sie ständenim Examen? Ich mußte bejahen, und so waren wirdahin gekommen, zu bekennen, daß das übrige nur einQuantitätsunterschied sei.

Dies nie ganz entschwindende Stück Jugend ist nichtein Geschöpf des reflektierenden Verstandes; es ist lebendigeWirklichkeit, und jeder gesunde Mensch in höheren Jahrenkann es an sich erproben. Man thut auch ganz gut, esin sich zu nähren, man muß nur sich hüten, es sehen zulassen. Denn es macht auf den dritten, der nur unsereGegenwart sieht, einen etwas komischen Eindruck. Ich be-merke das manchmal an einem ganz unverfänglichen Vor-gang. Wenn ein alter Mensch in seiner Erzählung etwasvon seiner Mutter oder gar Großmutter einflicht, so sehenihn jüngere Leute mit einem gewissen, verwunderten Lächelnan. Ihnen erscheint als etwas Sonderbares, daß jenerauf einen Zustand zurückgreift, der so weit hinter ihnenund wie sie meinen auch hinter ihm liegt; ihmjedoch scheint er nah und natürlich nah zu liegen. DasEigenste und damit oft das Beste in sich muß der Menschin sich verschließen, ebenso wie er nach des Dichters Ratdas Dümmste und Schlimmste geheim in der Brust halten muß.

Das ist ein Kapitel aus dem Abschnitt von derSchamhaftigkeit und berührt sich mit dem Satz, daß derMensch lernen müsse, alt zu werden, d. h. unter Umständenzu verbergen, wie jung er innerlich noch sei, ein Satz, deraus der Lebenskunst wieder in die Ästhetik hinüberführt.Man hört oft sagen, daß besonders den schönen Frauenes schwer ankomme, alt zu werden. Ich verstehe das. Einebewunderte schöne Frau zu sein, ist gewiß eine der herr-

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