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lichsten Berufsarten dieser schlechten Welt, und, diesemBeruf zu entsagen, muß eine harte Aufgabe sein. Je ver-feinerter eine Kultur ist, desto mehr hat sie Verständnisfür diese Eigentümlichkeit. Man kann bemerken, daß mitder Sänftigung der Sitten und der Hebung des Wohl-standes die Grenzen der Jahre für die Anerkennung derweiblichen Grazie sich erweitern. Die Franzosen , in welchender Sinn dafür am meisten ausgebildet ist, haben dasvon lange her kultiviert. Die Diane de Poitiers, Ninonde l'Enclos , Rscamier, die noch in hohen Jahren durchihre weiblichen Reize herrschten, sind historische Typen,denen im Privatleben Tausende an die Seite getretensind. Man kann auch die Maintenon dazu rechnen, dennihre geistige Überlegenheit war von ihrer Weiblichkeit nichtzu trennen. Eine französische Herzogin schickte der Kur-fürstin Sophie von Hannover zu ihrem siebenzigsten Ge-burtstag einen rosenfarbenen Schlafrock und schrieb dazu:a, 8vixants-<11x ans ou rexrenZ 1s ross. In großenStädten genießt die Lebensdauer weiblicher Reize längerenSpielraum als in kleinen oder auf dem Lande, und inder Gegenwart mehr als zur Zeit unserer Mütter undGroßmütter.
Zu den mannigfachen Unarten unserer neusten Jour-nalistik gehört es, mit dem Adjektiv „greis" bei jederGelegenheit um sich zu werfen, ohne Zweifel, weil das An-wenden von Adjektiven überhaupt zu den beliebtesten Griffendes Handwerks gehört. Kaum hat ein Mann die „Sechzig"hinter sich, so heißt er schon der „greise Künstler", der„greise Akademiker" n. s. w. Ich vermute, mancher nochrecht muntere berühmte Mann schüttelt sein unehrwürdigesHaupt, wenn er sich mit diesem Ehrentitel verziert in seinerZeitung findet. Der Unfug kommt wohl auch davon her,daß die Journalisten oft noch gar so jung sind, oder daß