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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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und ein etwas anempfundenes retrospektives Jugend-Liebes-glück begleitete sie durchs Leben. Das erschien ihr nun,vorüber, um so unersetzlicher, als sie es nur in der Sehn-sucht gekannt hatte. Ihr starkes Plaidoyer gegen das Alterwar eine Jugendrache. Ihr wirkliches Alter war sehr be-friedigt, und sie sah als Matrone auch besser aus als injüngeren Jahren. Sie hatte sich mit den dunklen Augen,dem vollen Kinn, der würdevoll bewußten Haltung undden, wenn auch nicht autochthonen, weißen Locken einenhübschen Kopf zurecht gemacht.

Eine oft gemachte Beobachtung lehrt, daß Menschen,welche einst im Vollbesitz aller Überflüssigkeiten des täg-lichen Lebens gewesen, deren Entbehrung leichter tragenals solche, die nur wenig davon genossen haben. AlleWelt war z. B. erstaunt, mit welcher heiteren Resignationdie französischen Emigranten den Übergang aus hoherStellung und raffiniertem Luxus zu dürftiger Existenzweisehinnahmen. Sie hatten den Überfluß in vollem Maßekennen gelernt und an sich erfahren, daß er zum Glücknicht so viel beiträgt, wie der dieser Genüsse Unerfahrenesich einbildet. Das Gegenstück dazu liefert der Mensch, der,wenn er im Alter die Fülle dessen erreicht, was er in derJugend sich gewünscht hat, doch findet, daß die Zeit derunerfüllten Wünsche die bessere war. (?'stg>it> Ik dsautsrQps, ^'«t,g.1s disn mallikursuLk, lautet das sinnige Wortder alten Schauspielerin Sophie Arnould .

Das Gesetz der Ausgleichung, welches viel tiefer in dieRechnung von Glück und Unglück eingreift, als gemeinhinbedacht wird, spielt auch in der Abwägung von Vorzügenund Mängeln des Alters seine wichtige Rolle. JederLebensgenuß unterliegt in seiner Wertschätzung dem Ab-wägen von Anstrengung und Befriedigung. Das verständigeAlter, welches weniger Ansprüche an sich selbst und an die