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Lampe. So müssen auch die Bilder Schritt halten mit derZeit. Es giebt wirklich Mittel, die zu diesem Ziele fördernhelfen. Der Mensch, welcher sich möglichst jung erhaltenwill, möge vor allen Dingen den Schuljungen in sich kon-servieren. Wir sinds doch alle einmal gewesen, und diemeisten recht gründlich. Drum ist es nicht schwer, denersten alten Adam weiter zu züchten. Jeden Tag waslernen zu wollen, jeden Abend eine Aufgabe gefertigt zuhaben und, wenn nicht mehr vor dem Professor auf demKatheder, doch vor dem Zuchtmeister im eigenen Busen zuzittern, wenn die schöne Zeit vertrödelt worden ist. Ineinem soeben zum ersten Mal publizierten Briefe der GeorgeSand an Ste. Beuve schreibt die sechsundfünfzigjährige:„Trotz allem scheint mir, daß es ein immenses Vergnügenist, im Altwerden seine Erziehung von neuem zu beginnen:man hat Momente, wo man sich ganz jung glaubt undganz naiv Schülerbetrachtungen in kleine Hefte einträgt".(ü,svus cls vom 1. Dezember 1896.)
Unter den Schatten, die auf das Alter fallen, hörtman immer auch aufzählen, daß das meiste, was uns liebwar, eben ins Reich der Schatten dahin geht und unsvereinsamt zurückläßt. Es ist wahr: Leben heißt Über-leben. Aber Leben heißt auch Erleben, und wollen wirnur die Augen offen halten, es giebt dessen so viel undimmer mehr, und „wo ihrs packt, da ist es interessant".Selbst die Dummheiten der Regierten und der Regierendentragen zu unserer Unterhaltung bei, und dieser Stoff ver-sagt nie. Gerade im und am Alter rächt sich ein be-schränkter Egoismus, der für Menschen und Dinge außerdem Kreis seiner nächsten Angehörigen und Interessen keinenSinn hat. Man kann beobachten, daß Menschen solchenKalibers am meisten im Alter sich gelangweilt und ver-einsamt fühlen, d. h. am frühesten alt werden. Es giebt