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Die große Mehrzahl der Menschen stirbt, ohne daß sie esahnt. Der Talmud sagt, das Sterben geht so sanft vorsich, wie wenn man ein Haar durch die Milch zieht. Leopardi läßt einen Mann in die Unterwelt hinabsteigen und sichmit den Einwohnern der Särge unterhalten, die er überihr Ende ausfragt. Keiner weiß, wie es gekommen ist.Es giebt seltene Umstände, unter denen Menschen mitvollem Bewußtsein sterben und vorher noch eine schöneAnrede halten; aber am meisten geschieht dies auf derBühne oder gar in der Oper, wo sie noch sterbend wunder-schon singen. Das müßte eine herrliche Empfindung sein,solch ein stimmungsvoller Abgang. Auf jeden Fall brauchtensich die Menschen über das Totsein nicht den Kopf zu zer-brechen, wenn sie nur das Eine bedenken wollten, daß siedoch Aeonen tot waren, ehe sie auf die Welt kamen, unddaß ihnen das gar keinen Kummer gemacht hat. Ich hatteeine Freundin, die ein stilles, aber sehr heiteres Dasein bisans Ende ihrer fünfzig Jahre geführt hatte und dann oftmit mir über die Ungerechtigkeit des AufHörens stritt. Ver-geblich stellte ich ihr vor, daß sie das Leben gerade so leichtentbehren werde, wie sie es bis vor sechzig Jahren entbehrthatte. Sie ließ es nicht gelten und meinte, es sei eineSchändlichkeit, nun man sie es habe kosten lassen, es ihrwieder zu entziehen. Wie schlecht berechnet, ohne die Not-wendigkeit dessen, was wir Vergänglichkeit nennen! Dasist eine der bestverleumdeten Eigenheiten unseres endlichenDaseins. Zu welcher Folter würde der größte Genuß,wenn er, man braucht noch lange nicht zu sagen ewigwährte! Die kluge Madame Du Deffant, obschon hoch anJahren und trotz oder wegen ihrer Blindheit sehr lebens-lustig, schrieb doch ihrem Freund: ns iais xs,s ü
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In der Hauptsache ist alles, was die Menschen über