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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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ihren Tod denken und reden, nur Sache der Reflexion undnicht des Gefühls. Das Gefühl ist aber die Hauptsache.Das Nichts, das Nichtsein zu fühlen oder auch nur sichvorzustellen, geht über die Fähigkeiten des im Sein Ein-gesperrten hinaus. Da sitzt auch die wahre Wurzel desUnsterblichkeitsglaubens. Die Unmöglichkeit, sich das Nichtsvorzustellen, zwingt das Gefühl, sich sein eigenes Sein ineine Ewigkeit hinaus, die es doch nicht begreift, zu pro-jizieren. Dann übernimmt der Glaube, die bereits insUnendliche projizierte Vorstellung je nach Land und Leutenzu möblieren. Der Unterschied des Glücksgefühls zwischendenen, die an ein Jenseits und denen, die nicht daranglauben, ist lange nicht so groß, wie man gemeinhin an-nimmt. Auf der einen Seite ist das Aufhören zu unmög-lich vorzustellen, als daß es vorempfunden werden könnte;aber auf der anderen Seite ist auch die Ewigkeit etwas soUnfaßbares, daß der lebendige Glaube daran auf einerSelbsttäuschung beruht. Renan behauptet, die Märtyrer,die für ihren Glauben in den Tod gegangen seien, hättendiesen Glauben nicht allzu stark gehabt. Für etwas, dessenman ganz sicher sei, fühle man gar nicht die Versuchung,mit dem Leben zu zeugen. Es steckt etwas schalkhafteWahrheit in diesem Verdacht, der an den AusspruchProudhon's erinnert: wenn ihm etwas fataler sei als dieHenker, so seien es die Märtyrer. Der Mensch wurzelt sotief und unentrinnbar im Leben, daß er sich gar nichtherausdenken kann, und diesem unbewußten Seelenzustandist es zu verdanken, daß wir nicht nur in die Breite, sondernauch in die Länge der Fortsetzung hinaus uns eins fühlenmit der Gesamtheit nicht nur der Gegenwart, sondern auchder Zukunft. Das ist in altruistischer Richtung das Näm-liche, was in egoistischer der Idee des Nachruhms, desFortlebens in der Geschichte zu Grunde liegt. Wie viele,