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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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leitet und ein politisches Eigentum bevorzugter Familienanerkennt. Auch heute noch ist Deutschland ein Feudal-staat, und derjenige, welcher, zu Häupten ihrer Geschickestehend, die Einigung der Nation nicht anders zu begreifenvermag als unter Schonung jener sogenannten RechteDritter, der macht uns jede Täuschung über die Nichtig-keit seines Strebens unmöglich. Nur auf den Trümmernder Feudalherrschaft kann Deutschland die Geistesgrößefinden, in der seine, wie jede Kraft ruht. Wer das Rechtder Nation auf Selbsterhaltung und Wiedergeburt in eineLinie stellt mit dem Rechte Dritter, wer Deutschlands Sicherheit und Zukunft nicht heiliger hält als das longo-bardische Lehnrecht und das Jnstrumentum des osnabrücki-schen Friedens, der mag sich des Beifalls seiner hochge-borenen Standesgenosfen freuen. An Deutschlands Zukunfthat er keinen Teil.

Das blutige Spiel des Kriegs besitzt eine tiefe Ge-walt über die Gemütsart des Franzosen . Diesem Zug vonBarbarei vermochte sogar die große Revolution nicht beizu-kommen. Im Gegenteil, sie hat ihm einzig in seinerArt vielleicht neue Kraft und Nahrung eingegeben.Jede Kampfbegierde braucht aber ein Länderziel, wie jederRoman eine Heirat braucht zum guten Ende. Das Lieb-chen der französischen Schlachtenphantasieen alle ist undbleibt der Rhein . Die Kanonen, welche in den Zeug-häusern schlafen, von Bayonne bis Metz, träumen Jahraus Jahr ein vom Wiedersehen mit unseren grünen Reben-hügeln. Und wie sie träumen, so denken von hundertMenschen neunzig in diesem Lande. Unter den zehn übri-gen aber sind fünfe, welche nur mit Hilfe angestrengterReflexion die gleiche Sinnesart überwinden. Sonderbar,daß man diesem Volke Beweglichkeit zum Vorwurf macht.