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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Von allen Kultur tragenden ist keines so in Charakterein-förmigkeit gebannt. Bei keinem gilt mehr Erblichkeit, mehrAllgewalt landläufiger Anschauungen. Zu letztern gehörtder Glaube an die Berechtigung des Wunsches nach demBesitz der Rheinlande. Darin eben unterscheidet sich diesKriegsgelüste von ähnlichen. Der Gedanke an eine Fehdemit England bringt das französische Blut in viel heftigereWallung, aber es sitzt auf dessen Grund viel mehr blindeLeidenschaftlichkeit als politische Ansicht. Die Antipathiegegen England ist sozusagen bestialischer Natur. Es istnicht mehr Rechtsbewußtsein in ihr, als in einem mit derMuttermilch eingesogenen Hasse sein kann. Noch wenigerknüpft sich an sie die Vorstellung des dauernden Besitzesirgend eines Teils der britischen Inseln. Selbst an dieEinbürgerung im katholischen Irland denkt Niemand ernst-lich. Ganz umgekehrt verhält es sich mit dem Appetit nacheinem Stück Deutschland , für welchen in den verschiedenenAbstufungen der Gesellschaft verschiedene Legitimitätsrech-nungen den Ausgangspunkt bilden. Jede derselben hat sichin ihrem betreffenden Kreise die Geltung einer notorischenWahrheit verschafft. Die Massen, und dazu gehört auchder Soldat aller Grade (dies zu beider Ehre), knüpfen anden Besitzstand des Kaisertums und der Revolution anund leben in der naiven Entrüstung fort, daß die Ver-träge von 1815 einen schändlichen Raub an Frankreich be-gangen hätten. Die Leute von der Presse und der Politikbearbeiten die Theorie der natürlichen Grenzen und derAbrundung in allen möglichen Tonarten; der profundesteGelehrtenstand endlich, der sich mit dem Kultus des altenGalliertums ein Steckenpferd nach Art unserer Jahne undArndte aufgezäumt hat, beweist Euch, daß die ganze Be-völkerung des linken Rheinufers (geschweige denn die vonBelgien bis ans Meer hinauf) echt gallischen Blutes und