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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Geschichte, so gut wie der Verrat des falschen Ganelon vonMainz . Aber es ist noch nicht so lange her, daß es mög-lich gewesen wäre, diesen Verhältnissen zu Leibe zu gehen,ohne sich der Gefahr beschämender Gestündnisse preis zugebeu. Die Wetterscheide beider Zustände bildeteinzig und scharf das Jahr 1848. So heilsam, sobefruchtend ift alles, was den Namen Freiheit trügt, daßselbst ein vergänglichster Hauch, ein traumhaftes Vorüber-ziehe» dankenswerte Keime des Guten ausstreut. Vom An-beginn der neunziger Jahre bis zum ersten Erscheineneiner deutschen Volksvertretung treibt sich das Gebilde derVerschwisterung mit Frankreich in mannigfachen Schattier-ungen am Rhein herum, und die geschichtliche Untersuchungdieses Phänomens ist nach unserem Erachten mehr als je-mals heutigen Tages ein anziehendes und lohnendes Stu-dium. Wie gesagt, ist es aber auch erst in unseren Tagenmöglich geworden, diesen Gegenstand in verlautbarer Weiseaufzugreifen, weil er, von nun an erst aller Anfechtungentrückt, uns nicht mehr der Schmach aussetzt, in deutscheuoder gar in fremden Augen den Anschein zu haben, alshielten wir es für notwendig, noch lebendige Abtrünnigkeits-gelüste zu bekämpfen.

Die Vergangenheit ist der Spiegel der Gegenwart.Schauen wir hinein, und wir werden gar zu oft mitSchrecken an dem, was wir waren, erkennen, was wir sind.Der erste Teil unseres Rückblickes wird uns ein Zerrbilddeutscher Wehrverfasfung vorführen, welches in seinen grö-beren Zügen uns lebhaft die Schäden entgegenhalten muß,an denen wir noch heute so hilflos herumslicken. Nichtblos werden Zerfahrenheit der Kräfte und Verwahrlosungder Mittel uns an die Sorgen der Gegenwart erinnern.Es werden auch die abenteuerlichsten Bilder eines unglaub-lich hohlen Selbstvertrauens und eines erbärmlichen Adels-