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Übermutes uns lehren, der Siegeszuversicht jenes dünkel-haften Junkertums zu mißtrauen, welchem deutsche Re-genten ohne Ausnahme die Führung ihrer Heere in allenGraden und damit die Kraft des Landes überantworteten.Noch weit mehr aber wird es unserer Aufmerksamkeit wertsein, zu beobachten, unter welchen Umständen der Abfalleines Teils der Nation von ihrem eigenen Ich vor sichgehen konnte, und welcher Weise sie später wieder zusich selbst zurückgekehrt ist. Nicht die äußersten Gegensätzewerden dabei das Merkwürdigste sein, sondern die zwischen-liegenden Übergänge; und diesen mit dem Auge folgend,werden wir aus dem Prozeß des Erkrankens, mehr nochaus dem Prozeß des Gesundens, die wahren Ursachen natio-nalen Zerfalls und die Bedingungen nationaler Wieder-geburt mit Händen greifbar vor uns sehen. Nur Frei-heit gewährt uns Schutz und Macht. Auf Schritt undTritt wird dieser Gedanke sich aufdrängen.
Wir werden sehen, wie im Anbeginn keinerlei volks-tümliche Überlieferung der Hinneigung zu einer fremdenNation vorgearbeitet hat, und wie die unteren Masfenteils kalt, teils heftig sich der zugemuteten Umgestaltungentgegenstemmen; wie aber die Kontraste von Freiheit, Auf-schwung und Macht einerseits, von Botmäßigkeit, Zerfallund Fäulnis andererseits zuerst die besten Köpfe und dieedelsten Gemüter der Bevölkerung zum ausländischen Ele-mente hinziehen; wie von diesen sodann abwärts derherrschende Gedanke sich ausbreitet und Wnrzel faßt; wiespäter, da unter dem Kaisertum das Anziehungsmittel derFreiheit verschwunden ist, der Vorzug einer geläuterten undgesicherten Rechtsverfassung und die politische Gleichheitnoch hinreichen, die Hineinbildung in das französische Wesenzu befördern, und wie — abgesehen von jeglichem Inhalte— die äußere Thatsache des Zusammenstehens^mit^einem
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