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bleibende Bürger nachher allein die Ernährung des Feindeszu tragen habe. So weit ging die Bedachtsamkeit, daßauch die städtische Waisenkasse „gerettet" wurde. Dochmuß den Hofbeamten nachgerühmt werden, daß sie ihreAnstrengung mehr ans Sicherung der eigenen Habe alsauf diejenigen Schloßgerätschaften verwendeten, welche derSouverän nicht selbst hatte mitnehmen können und die umdeswillen auch zurückblieben. Nach richtig abgesandter Ba-gage und im Begriffe, selbst in den Wagen zn steigen, er-ließ sodann jedweder hohe Beamte einen verzweifelten Auf-ruf an die braven Bürger in dem noch heute üblicheuGuts- und Blntsstyl. Und nun wurde aus allerhand Nolks,einigen hundert Mann invaliden Österreichern, einigen kur-mainzischen Soldaten, nassauischen und ysenburgischen Kon-tingenten, Bürgern, Handwerksburschen, Lehrlingen, preußi-schen Werbefeldwebeln u. f. w. u. f. w. ein Festungsdienstorganisiert, der natürlich in Wahrheit nur ein Posfenspielwar. Wenn die Jungen aus der Schule kamen, liefen sienach den Wällen, und die sehr ermüdlichen Artilleristenriefen ihnen zu: Kommt her, Ihr Buben, helft einmal dieKanon' richten!
Das hab' ich mehr als einmal von Augenzeugen er-zählen hören, und nicht minder jene bekannte Geschichte,wie der Festungskommandant General Freiherr von Gymnich des Vormittags zu Pferde am Neuthor hielt, auf demKopf eine baumwollene Nachtmütze und darüber gestülptden Generalshut, und zu dem versammelte» Volke sagte:Seid ruhig, Ihr Burger, forcht Euch nit, ich übergeb dieFestung nit, bis mir das Sacktuch hier im Sack brennt;und wie am folgenden Morgen durch dasselbe Neuthorkraft der vom General unterzeichneten Kapitulation dieFranzosen einzogen. Gleichermaßen hatte nach der Affairevon Speier der Staatskanzler Albini die Bürgerschaft ver-