— 149 —
des Augenblicks ein Deutschtum heraufbeschworen hätten,die Fürsten und Adeligen nämlich, selbst am meisten derfranzösischen Propaganda vorgearbeitet hatten. Denn wasund wer hatte sich der französischen Art in den vornehmenZirkeln entzogen? Der größte deutsche Regent dachte inder Sprache Voltaires, wie die kleinste gräfliche Maitresseim Stile der Dubarry lebte. Die gesamte Aufklüruugs-litteratur war von jenseits des Rheins herübergedrungen,und schließlich hatte der so vorwiegend humanistische Berufdes Jahrhunderts mit Recht die allgemeine Erlösungsauf-gabe so sehr in den Vordergrund geschoben, daß über derArbeit an den Menschenrechten die Arbeit an den Bürger-rechten zurückgestellt werden mußte. Was heute wie Ab-straktion aussieht, war damals eiue sehr konkrete Kraft.
Viel ausgesprochener aber noch als in der Gemein-schaft der universellen Aufklärung hatten sich deutschesund französisches Wesen in jenen der Epoche eigentüm-lichen Verbrüderungen gemengt, deren mächtigste die Frei-maurerei war. Die herrschenden deutschen Logen standenunter französischem Einfluß und zeitweise unter direkterfranzösischer Leitung.
Was Wunder also, wenn das revolutionäre Frank-reich nur die Arme ausbreiten durfte, damit sich die dermittelalterlichen Hudelei entwachsenen Deutschen hinein-stürzten? Denke man sich Menschen, entzündet vom Feuerder Wissenschaft und Freiheit, die noch von den Jesuiten als Neuerer verfolgt wurden, weil sie etwa Bürger stattBurger oder „an Gott " statt „in Gott glauben" zu schreibenwagten, oder auch weil sie das in der Mathematik pro-fanierten; versinnliche man sich, welchen Ekel uud welcheUngeduld die falstaffische Verteidigungswirtschaft in ihnenzu allem bereits Vorhandenen aufgehäuft haben mußte:und man wird sich deutlich vorstellen können, wie es im