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gebildetsten Teile der Einwohner aussah, während die kur-fürstlichen Truppen bei der ersten Annäherung des Feindesdie Außenwerke ohne Widerstandsversuch räumten und mitihren harmlosen Kanonen auf den inneren Schanzen ru-morten, alles Herrschaftliche aber in wilder Flucht davonrannte. Eben war der preußische Feldzug in der Cham-pagne, so übermütig begonnen, aufs Kläglichste zu Ende ge-gangen. Am 12. Oktober hatte Verdun, am 18. Longwy den Franzosen übergeben werden müssen. Am selbigen Tagbegann Cüstine die engere Einschließung von Mainz . Wormswar acht Tage früher ohne Schwertstreich in seine Hände ge-fallen. Drei Tage darauf war alles fertig, und die Fran-zosen rückten in die Stadt ein.
Wie immer nach einer Niederlage durch eigene Un-fähigkeit, schrie die kurfürstliche Partei hinterher über Verrat.Der Major Eikemayer sollte dem Kommandanten erst über-triebene Angst eingeflößt und dann den Kriegsrat zurÜbergabe beschwatzt haben. Eikemayer hat sich von dieserschon in sich thörichten Anklage vollständig gereinigt undfür wen, der mit uns einen Blick auf die Zustände geworfen,bedarf es erst noch des Beweises, daß für die etwaigenFranzoseufreunde in der Stadt jede Verratsanstrengungder purste Luxus gewesen wäre, und daß niemand, sollteer auch Lust verspürt haben, die Zeit gefunden hätte, zumVerräter zu werden? Ob Cüstine durch gleichgesinnteMainzer von der Widerstandsunfähigkeit der Festung unter-richtet worden oder nicht, ist, praktisch wie psychologisch be-trachtet, ganz gleichgültig. Hauptsache bleibt, daß wederkalte noch glühende Kugeln, weder Bajonett noch Hunger anden General Gymnich herandrangen, sondern daß zwei bär-beißige Briefe Cüstines, in welchen dieser den JakobinischenWauwau machte, hinreichten, dem gemütlichen Kommandantenalle Verteidigungslust zu benehmen.