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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
151
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Am 21. Oktober 1792 waren die Franzosen eingerückt,am 23. bereits ward ein Klub unter dem NamenGesell-schaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit " im Akademie-saale des kurfürstlichen Schlosses eingeweiht. Keiu Fremderhatte die Hand dabei im Spiele, die Sommitäten derMainzer Bevölkerung hatten auf ganz eigene Faust dieSache ins Werk gesetzt. Sie waren längst geschult in allem,was nach Pariser Muster dazu erheischt wurde. Es be-dürfte nur des Dekorationswechsels, damit die schon seitmehreren Jahren bestehende Lesegesellschaft sich in einendemokratischen Klub verwandelte. Vergebens hatte in derletzten Zeit die Zensur die französischen Zeitungen undFlugschriften fern zu halten, vergebens hatten die emigriertenAdligen sich einzuschwärzeu gesucht. Die Augen hingen anParis - die Herzen an der Revolution. Eines Morgens schonein Jahr zuvor hatte man in den Straßen der Stadt dieEmigranten einander triumphierend iu die Arme stürzensehen. Es war die Nachricht eingetroffen, Ludwig XVI .sei aus Paris entronnen. Des Abends füllte die festlichgestimmte Adelsschaar die Logen des kurfürstlichen Theaters.Plötzlich bricht das Parterre in brausenden Jubel aus.Was ist geschehen? Die Kunde ist eingetroffen, daß Ludwigin Varennes gefangen iu die Hauptstadt zurückgebrachtworden: entsetzt verschwindet die vornehme Welt aus denLogen. Das geschah schon unter kurfürstlichem Scepter.Was Wunder also, daß unter dem Bürger-General der ueu-fräukischen Republik im Nu ein kleines Paris erstand?Freilich mischte sich unreife Selbgefälligkeit in den Eifer,mit welchem der revolutionäre Apparat aufgerichtet wurde.Man hatte sein Paris studiert und wollte zeigen, daß mandesfen Grundsätze, Formen und Sprache vollständig loshatte. Aber sei man deshalb nicht ungerecht, und glaube,es sei nur äffische Nachahinnngseitelkeit im Spiele gewesen.