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und die Konflikte der Wirklichkeit sollten nicht ausbleiben.Was so leicht gewonnen worden, war doch schwieriger zubehaupten. Wie alle Eroberer, war auch Cüstine mit derErklärung einmarschiert, daß er nicht erobern wolle. DieBewohner des Rheinufers sollten nur sich selbst angehören,einer Freiheit auf eigne Faust genießen. Eben so falschgemeint, wie unmöglich auszuführen. Die deutschen Heerestanden an den Thoren von Mainz. Cüstine hatte Frank-furt nicht länger behaupten können, als um eine halbeMillion zu erpressen. In dem kleinen Freistaat, trotz seinersteifen Reichsperücke, war doch mehr selbständiger undnationaler Sinn möglich geblieben als bei den geplagtenUnterthanen der geistlichen Monarchie. Als die Preußen wieder bis dicht an das rechte Rheinufer vorgedrungenwaren, fühlte sich die antifranzösische Partei in Mainz er-mutigt. Die Deutschgesinnten sorgten dafür, den Glaubenan die baldige Wiedereroberuug der Stadt zu verbreitenund besonders die Furcht vor der schrecklichen Rache, welchejeglichem franzosenfreundlichen Menschen im voraus seitensdes Königs von Preußen angedroht war. Dieser durfteman sich in solcher Voraussetzung allerdings versehen.Frühere Erfahrungen hatten es gelehrt, spätere bestätigten es.
Der Widerstand, welchem die Umgestaltung aller Dingeim Innern der Stadt begegnete, ward bald stärker, alsman anfangs hätte erwarten können. Cüstine erließeine Proklamation über die andere gegen die Möglichkeitseiner Vertreibung aus der Stadt,, ja er befahl, ans denöffentlichen Plätzen Galgen zu errichten, an welchen mandie preußischen Alarmisten aufknüpfen möchte. Doch kames im ganzen Verlauf der Dinge im Mainzer Lande zukeiner politischen Hinrichtung, etwa den einzigen Fall aus-genommen, daß während der Belagerung ein französischerEmigrant ertappt und erschossen wurde. Der Konvent selbst