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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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hundert-, sondern tansendweise ziehen die Schaaren der Un-glücklichen über die Rheinbrücke nach dem jenseitigen Ufer;einmal wird ein ganzes Dors, Finthen , wegen Eidesver-weigerung hinausgemaßregelt (die Ortschaft ist noch heutebesonders gut katholisch und war 1848 der Bewegungweniger zugänglich als irgend eine andere Landgemeinde),Als höchst seltsam verdient ein besonderer Judenschub er-wähnt zu werden, und zwar schon unterm 2. April erscheintvom Präsident Hofmann unterzeichnet ein Befehl:ImNamen des souveränen Volks wird den ungeschworenenJnden auf Befehl des Nationalkonvents bedeutet, daß sieheute 12 Uhr, und zwar unter Todesstrafe auf dem Schloß-platze erscheinen sollen (zur Wegführuug von da). Wer sichheute nicht allda einsinden wird, soll ohne Weiteres auf-geknüpft werden." In allen Dingen hat die rheinische Re-publik dem französischen Muster folgen können; Gott, Königund Vaterland hat sie überwunden: über den spezifischdeutschen Judenhaß kann sie nicht hinaus; Atta Troll mußsein Amendement stellen, so daß selbst der Bannstrahl dieAbsonderung aufrecht erhält. Und noch merkwürdiger:unter diesen gedrückten, schon seit jenen Zeiten her derStaatspolizei so verdächtigen Juden finden sich ganzeSchichten, welche dem Abfall vom Reich das Exil vorziehen,und damit den Verlust des teuren Eigentums. Es giebtsonderbare Naturspiele, von denen kein Rittergutsbesitzereine Ahnung hat. Da schließlich alle Vorwände der Ver-folgung erschöpft, aber immer noch zu viele Menschen inder Stadt sind, treibt der Befehlshaber zu freiwilligen Aus-wanderungen. Der Feind kann diese Erleichterung nichtzugeben. Er begrüßt die ausgestoßeuen Landslente mitKanonen, der eben so erbarmungslose Himmel sendet einUnwetter auf sie herab; so verbringen die Elenden, meistensHülflose Weiber uud Kinder, eine schauervolle Nacht im