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zurück zum Jahr sechszehn. Nicht einmal den morschenHaltpunkt der treuherzigen Anhänglichkeit an einen altenHerrn gab die neue Seelenverteilung dem Bewohner jenerProvinz. Selbst die guten Leute, welche sich in Cassel andem wiederkehrenden Anblick des kurfürstlichen Zopfes freuenmochten, fanden in Mainz nicht ihren Augentrost. Gab esdoch deren bei uns noch lange, welche behaupteten: seitKurfürsten-Zeiten wäre kein schöner Sommer mehr überdas Land gekommen. Jetzt sollte ihnen auf einmal überNacht Lieb' und Treu' zu dem Großherzog von Darmstadt aufblühen. Was wußten sie von Darmstadt ? Daß derLandgraf 1792 bei Cüstines Anmarsch über Hals und Kopfseine Truppen an sich gezogen und, nachdem er mit denandern bramarbasiert hatte, Mainz im Stiche gelassen, umseine Neutralität zu saldieren;*) daß später einmal derGroßherzog von Bonapartes Gnaden drüben bei Kastel andem Brückenkopf zwei geschlagene Stunden lang de- undwehmütig auf den Kaiser gewartet, um ihm seinen Bücklingzu machen, und daß ihn der Mann im kleinen HütchenNonZlkui- cks Oarmstg-db geheißen! Natürlich schickte derneue Potentat Beamte, die auf seinem eigenen Mist ge-wachsen, zur Verwaltung und Assimilierung der frisch-erworbenen Provinz aus. Das war ihm nicht zu verdenken.Es hätte es jeder an seiner Stelle gethan. Aber demLinksrheinischen war eben darum der Rechtsrheinische nurnoch mehr zuwider als ohnedies ein nächster Nachbar dem
*) 1791 hatte der Landgraf von Darmstadt den Reichstag bestürmt,ihm zu seinen Gütern und Rechten im Elsaß zu verhelfen, auf daß nicht„ein seit Jahrhunderten verchrungswürdig gewesener Fürst der Kattcn inseinem eigenen Lande aufs möglichste unvermögend werde."
Als ihn ein Jahr darauf die Mainzer um Hülfe anriefen, antworteteer: „Die Franzosen hätten seine Güter im Elsaß so gut behandelt, daß ersich nicht mit ihnen überwerfen wolle." (K. Klein , Geschichte von Mainz.)