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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Flanells zwischen die Bruststücke des Fracks eingenäht;unsere Talglichter, rief der andere, stahlen die Feldwebel,um sich die Zöpfe zu wichsen; ach, weißt du noch, riefdie alte Frau dazwischen, der Lieutenant Grauer, der beiuns einquartiert, dem nichts recht zn machen war, und derdes Abends, wenn er zu Ball ging, die schwarzwollenenStrümpfe der Köchin borgte! Solche Narreteien im Bundemit demeingefrorenen Dünkel" waren außerdem nicht ein-mal nötig, damit man sich von beiden Seiten abstieße. Diegemischte Besatzung selbst gab den Ton dazu an, daß derDeutsche den Deutschen als Fremden und als Feind be-handle. Es kam in den ersten Jahren nach dem Friedenmanchmal zu wahren Gefechten zwischen österreichischen undpreußischen Soldaten. Die schöne Tradition ist bekanntlichnoch heute nicht verklungen.

Die eigentliche Wurzel aber der Anhänglichkeit an dieFremde saß im bürgerlichen Rechtsleben. Hier war vorallen Dingen eine thatsächliche Gemeinsamkeit mit dem ehe-maligen Eroberer, eine Scheidung von dem neuen Landes-regimente stehen geblieben; und alles darin zeugte von denVorzügen des ersteren, von den Mängeln des letzteren. Eskann nicht gestattet sein, bei dieser Gelegenheit in eineUntersuchung der Materie selbst einzudringen. Die Sacheist bekannt und gewürdigt. Seit fünfzig Jahren ringtDeutschland und bis jetzt nur mit teilweisem Erfolg nachjenen ersten Bedingungen einer vernünftigen Gesetzgebung,welche das Genie der Revolution in seiner kurzen Blütezeitmit unerreichter Meisterschaft vollendet hat. Geschworenen-gerichte, Öffentlichkeit, Mündlichkeit, ein aller Welt zu-gängliches feststehendes Gesetzbuch, allgemeine Gleichheit vordemselben bildeten einen leuchtenden Gegensatz zu den mittel-alterlichen Institutionen der angrenzenden Lande von Darm-stadt oder Nassau. Jnquisitionsgerichte, unendliches Schreiber-