Druckschrift 
1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
186
Einzelbild herunterladen
 

Auge nach Frankreich hinüberschielen, wenn nur das Ohrdem Pulsschlag eines gemeinsamen Vaterlands im Herzender Nation taub blieb. Die Gährung, welche der Pariser Julirevolution in Deutschland nachfolgte, fand unter solchenUmständen wenig Nahrungsstoff in Rheinhessen. Wahr-hafter Freiheitstrieb ist ohne nationales Bewußtsein nichtdenkbar. Einzelne Persönlichkeiten, die ihren Geist andeutschen Hochschulen erweitert hatten, beteiligten sich wohlan den deutsch -patriotischen Versuchen, deren Schauplatz dasnahe Rheinbaiern ward, allein die Gesamtbevölkerung bliebbeinahe gleichgültig. Selbst der Krawall im benachbartenFrankfurt und die von da eingebrachten und den Festungs-gefängnissen übergebenen Studenten erweckten kein le-bendiges Mitgefühl. Wenn andererseits mit dem allmählichenAussterben der älteren Generation die Verehrung für dieTrikolore erkalten mußte, fo wuchs an ihrer Stelle dochmehr Gleichgültigkeit als deutscher Sinn auf. Die Drohungendes Ministeriums Thiers vermochten ebenso wenig nationaleBegeisterung anzufachen, als es die Ermunterungen derWirth und Siebenpfeiffer zehn Jahre vorher auf umge-kehrtem Wege vermocht hatten. Mit völliger Gemütsruheund wie etwas, das ihn wenig kümmerte, sah der lust-wandelnde Bürger zu, wie die Österreicher und Preußen ihre Festung verpallisadierten. Es ist wahr: man wünschtenicht mehr die Franzosen herbei, aber man zitterte auchnicht vor dem Gedanken ihrer Rückkehr. Das schlechte Liedvon Niklaus Becker ward einigen Singvereinen andoktriniert,aber populär wurde es hier nur mit einer sehr ausge-sprochen ironischen Betonung. Nirgends mußte man auchbesser wissen, daß frei und deutsch und Rhein sich nurspottweise reimen ließ.

Wie sehr in diesem unvermeidlichen Bewußtsein uud in der historisch begründeten Hoffnungslosigkeit einer Vater-