— 189 —
sollte. Ein drittes Mal endlich, und dies ist im deutschenBunde der Fall, hat er sie, wie alles Unterthanenglück, inein geistiges Jenseits verlegt, in den Himmel des Fühlensund Dichtens. Diese platonische Einheit kann aber heutenoch weniger frommen als je. Dem Stoffe ist das Jahr-hundert ergeben, und stofflich will es besitzen, wonach esverlangt. Der ganze enthusiastische Aufschwung der nationalenTriebe ist nichts anderes, als dies Bedürfnis: aus demReich des abgezogenen Denkens in das Reich der körper-lichen Thatsachen überzugehen. Jede Nation will sein, d. h.sie will nicht blos Einen Geist, sondern auch EinenKörper haben. Selbstbestimmung, äußere wie innere,ist der höchste Ausdruck des sittlichen Lebens. Aus demRecht auf sie, aber auch nur aus diesem, entquillt das Rechtauf Anerkennung der Nationalität. Allerdings kann einVolk Nationalitätsdrang besitzen ohne gleichzeitig erkanntesBedürfnis nach politischer Freiheit, aber doch nur so, wiedas im Werden begriffene Individuum mit dunklen In-stinkten der Ernährung sich zu der Einsicht der bewußtenSelbsterhaltung emporringt. Warum es auf nationaleWeise hat sein wollen, begreift ein Volk erst, wenn es auchdie Freiheit begriffen hat. Umgekehrt aber auch kann ebendeshalb ein Volk, welches seine politische Naivetät abgelegthat, an seine Nationalität nicht mehr glauben ohne denGlauben an seine Freiheit. Darum war das Gesamt-bewußtsein der Italiener, besonders derer des Nordens,zäher als das der Deutschen, weil jene in ihren Republikenwenigstens das Bild der Freiheit vor Augen hatten, dieseaber im Anblick von Zwergdespotismus den Sinn jederPolitischen Existenz aus dem Gesichte verlieren mußten. DerAbsolutismus in Form der Kleinstaaterei hat von jeher denFremden nach Deutschland hereingeführt, bald als Bewerberum die Kaiserkrone, bald als Verbündeten, bald als Feind.