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fast nie mit der Heimat zugleich die heimatlichen Sitten,Anschauungen, Geschmacksrichtungen und Manieren, sie legtmit einem Wort weder Kern noch Schale ab. Durchzwanzigjähriges Leben im Ausland bewahrt sich der Eng-länder den Schnitt seiner Kleidung und seine Frühstücks-speisekarte. Im Deutschen stellt sich der gerade entgegenge-setzte Typus dar.
Fast scheint es, als hätte die Natur dieses Volk zueinem Metall geschaffen, das sich mit allen andern mensch-lichen Gebilden verschmelzen lassen sollte. Weich und ge-schmeidig geht es die Verbindung ein, gestärkt und gehärtetdaraus hervor. So floß beim Verfall der antiken Welt zuwiederholten Malen das Blut der germanischen Stämme indie Adern der Römer .hinüber, indem sich ein Austauschvon Lastern und Tugenden vollzog. Es ist etwas Wunder-bares um die Leichtigkeit, mit welcher der Deutsche sich indie Gewohnheiten und selbst die Vorurteile eines fremdenLandes findet. Wollte man die Fehler eines Volkes stu-dieren, so brauchte man nur irgend einen Deutschen zunehmen, der seit einer Reihe von Jahreu in jene ungleich-artige Substanz getaucht wäre: es werden sich vor allemihre äußersten Wirkungen an ihm zeigen. In England wird er steif und kalt geworden sein, in Holland langsamund methodisch, in Amerika rastlos, geschäftig uud über-mütig, in Frankreich selbstgefällig und spottlustig. Ist erin London heimisch geworden, so schwört er darauf, daßsich der Mensch einzig von ganz rohem Sellerie und halbrohem Rindfleisch nähreu müsse; in Paris würde derselbeMann seinen eigenen Vater mit Brillat-Savarins sämt-lichen Saucen verspeisen. Zu dieser Eigenheit füge manden Wandertrieb, der übrigens mit jener moralischen Bild-samkeit aus einer Wnrzel entspringt, und man kann sichvorstellen, in welcher Weise sich zwei benachbarte Länder,