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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Wie Frankreich und Deutschland , gegenseitig beeinflussenmüssen. Der Franzose ist ganz ausgefüllt von seiner Persön-lichkeit, der Deutsche völlig bereit, die seine aufzugeben;jener keimt nur sich selber, versteht sich aber wunderbardarauf, sein Wesen und seine Gedanken verständlich zumachen; daeser verliert sich, nach fremder Art begierig, gernim Studium des Unbekannten; jener ist glücklich, wenn ersprechen, nnd dieser, wenn er fragen kann; jener ist einliebenswürdiger Gastfreund, dieser ein dankbarer Wanderer;jener endlich lernt nur seine Muttersprache, und dieser mitFreuden ein halbes Dutzend fremde.

Will man wissen, wieviel die Erfindungen der Neuzeitdazu beigetragen, Paris mit Fremden zu überfluten, sobraucht man sich nur dahin zu begeben, wo sich die Nord-uud Ostbahn mit ihren ausgedehuteu Bahnhöfen und allem,was dazu gehört, angesiedelt haben. Diese Stelle empfängtden ersten Anprall der Woge, dort kann man mit bloßemAnge den gewaltigen Niederschlag wahrnehmen, der sichbinnen kurzem gebildet hat; es ist in Wahrheit auf denfranzösischen Boden ein neuer, deutscher aufgeschwemmtworden. Schon die Straße, welche die Verlängerung derRue Lafayette bildet, kündet sich unter dem Namen derRoute d'Allemagne an, und in dem ganzen Viertel ringsumher sieht man die Häuser mit deutschen Namen bedeckt,findet man möblierte Zimmer, Gasthvfe, Gaststuben, Lädenund Werkstätten von den Angehörigen dieser Nation erfüllt.Das Viertel ist namentlich der Sitz eines wahren deutschen Proletariats, von dem sich wenige Pariser und selbst wenigeder iu Paris wohnenden Deutschen auch nur annäherndeinen Begriff machen. Handelte es sich zum Beispiel ummusikalische Dinge, so würde sich niemand dieser nachbar-lichen Einmischung wundern. Man ist ja verpflichtet, zuwissen, daß ohue Meherbeer das alte Opernhaus an Ent-