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landes in den Norddeutschen Bund einzutreten. Herr vonBismarck hätte ihn Wohl lieber mit Haut und Haar an-nektiert, aber der Großherzog hatte den Zaren in Personzum Schwager, also erhob er Einspruch und holte sich seinengroßen russischen Bruder zu Hilfe, um das bedrohte Stück-chen seiner glorreichen Landesherrlichkeit zu wahren. Aufdringendes Verlangen seines Herrn goß darauf Graf Bis-marck Wasser in seinen Wein, und der gute Großherzogrettete seine Provinz Oberhessen, was in der Sprache ge-wisser deutscher und französischer Politiker die Aufrecht-erhaltung der Autonomie des deutschen Volkes gegenüberfremden Eroberungsgelüsten genannt wird.
Die Leute nun, die morgens zwischen drei und achtdie Straßen fegen, entstammen fast ohne Ausnahme deroben genannten Provinz. Jedermann weiß, abermals seitdem letzten Kriege, daß es in Deutschland zwei Hessen giebt, ein Kurfürstentum und ein Großherzogtum. DasKurfürstentum gehört gegenwärtig der Geschichte an, es istaus dem Gothaischen Kalender gestrichen; das Großherzog-tum figuriert zwar noch darin, ist aber auch schon ernstlichin Angriff genommen. Diese beiden zählen nicht gerade zuden glücklichsten unter den deutschen Ländern. Hie und daundankbarer Boden — und zuweilen noch undankbarereFürsten. Ein Kurfürst von Hessen war es, der zur Zeitdes amerikanischen Befreiungskrieges jenen berüchtigtenHandel mit Menschenfleisch trieb. Seither nahmen seineUnterthanen aus vielen trefflichen Gründen die Gewohnheitan, über das große Wasser zu ziehen. Die Unterthanenseines Vetters, des Großherzogs, hingegen wandern ausbestimmten Bezirken nach der französischen Hauptstadt aus.Diese Erscheinung datiert etwa um zwanzig Jahre zurück.Not, bittere Not, treibt die Armen dazu, so aufs ungewisfein ein Land zu gehen, wo ihnen alles und jedes unbekannt