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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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verändernd auf das Gepräge des Heimatlandes ein; esmüßte daher einen eigenen Reiz gewähren, könnte man dieDörfer an Ort und Stelle studieren, wo sich die zur Ruhesetzen, welche vorher den intelligentesten Schmutz der Weltzusammengekehrt haben.

Zur Zeit, als ich auf der Universität Gießen studierte,dem Hauptort jener hessischen Provinz, wußte eine derstehenden Anekdoten daselbst von einem Manne zu erzählen,der im Innern des Landes in einer eigens dazu errichtetenBude gegen Eintrittsgeld eine Silbermünze zeigen sollte,im Werte etwa einem Sechsfrankenthaler entsprechend. Daßdie guten Leute, die aus einem solchen Eldorado kommen,nicht verwöhnt sind, läßt sich denken; auch besteht ihr Ge-schäftsgeheimnis weit mehr in der Kunst, nicht Hungers zusterben, als in der Kunst, Geld zu verdienen. Höchst wahr-scheinlich giebt es neben ihnen keine anderen Arbeiter inParis , welche das Hilfsmittel des Entbehrens bis zu dieseräußersten Grenze der Möglichkeit verwenden. Denn Schützesammeln ist nicht gerade leicht in einem Gewerbe, das demarbeitstüchtigen Manne höchstens zwei und einen halbenFrauken täglich einbringt, indes die Frauen und Kinderfünfundzwanzig bis dreißig Sous verdienen. Zu allenZeiten des Jahres um drei Uhr morgens auf den Beinen,mit den Füßen im Wasser, arbeiten sie bis gegen elf Uhr,schlafen dann uud nehmen in den verlorenen Stunden seltennoch etwas vor. Bei dieser Einnahme machen sie es mög-lich, binnen zwei bis drei Jahren soviel bei Seite zu legen,daß ihr Sümmchen voll wird. Ist die Familie zahlreich,so steigt der Verdienst auf fünf bis sechs Franken täglich,und dann geht d^s Reichwerden mit Dampf vor sich. DieseStraßenkehrer unterscheiden sich von allen ihren übrigenLandsleuten darin, daß sie nicht das Geringste von derfranzösischen Sprache lernen, ausgenommen jedoch die

Ludwig BamSerger's Gcs> Schriften, I.