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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Verhältnissen: es sind Handwerker der verschiedensten Art.Auch hier, namentlich auf dem Boulevard Richard-Lenoirund auf der Stätte selbst, wo sich früher die Fabrik diesesJndnstrieherrn befand, haben die protestantischen MissionareKirchen und Schulen in Menge gegründet. Bau und Er-haltung derselben erfordern beträchtliche Summen, die inden lutherischen Gegenden des Heimatlandes*) durch regel-mäßige Kollekten beschafft werden. Aber trotz aller Be-mühungen sind einige der Gemeinden doch noch stark ver-schuldet. Von den Geistlichen, welche den Kolonien vor-stehen, spricht man allgemein mit Hochachtung. Der Predigerhat dort ein furchtbar schweres Amt: es sind sehr vieleTaufen zu vollziehen und, aus den oben dargelegten Gründen,noch mehr Trauungen. Im verflossenen Jahre hatte alleinder Pfarrer der kleinen Batignolles-Gemeinde achtzig Paareeinzusegnen, die alle bei ihrer Ankunft im Lande in wilderEhe standen. Noch härtere Anforderungen stellt der Dienstbei deu Kranken, Sterbenden und Toten. Die Verheerungen,welche die Not unter den Kolonisten, besonders unter denStraßenkehrern anrichtet, sind entsetzlich: Mangel, Ent-behrungen, ungesunde Arbeit, Heimweh, all dies im Vereinlichtet ihre Reihen, und von allen Epidemieen werden sieergriffen. Dazu kommen noch besondere Krankheiten, dieals eine Folge ihrer Beschäftigung anzusehen sind, z. B.Bruchleiden. Von letzteren werden übrigens die Straßen-kehrer französischer Nationalität viel seltener heimgesucht,da sie sich nach Aussage der Ärzte weit besser auf dieHandhabung ihres Werkzeugs verstehen: sie bewegen nur

*) Trotz der offiziellen Vereinigung der beiden protestantischen Kirchenist die alte Scheidung in Lutheraner und Reformierte praktisch noch immervon großer Bedeutung für das religiöse Leben. Es handelt sich besondersum Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf den Katechismus, an welchenjede Partei mit der in solchen Dingen hergebrachten Hartnäckigkeit festhält.