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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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es leichter, eine Armee von Straßenkehrern zu überwachenals eine Legion Mädchen. Selten findet man einen deutschen Haushalt in Paris , dem nicht wenigstens ein deutschesDienstmädchen angehörte. Der Ausländer gewöhnt sichschwer an den Pariser Dienstboten: er ist ihm zu unbot-mäßig, zu anmaßend, und auch der durch Molisre unsterblichgewordene Typus des vertraulichen, impertinenten Dienersist, wie sich denken läßt, keineswegs der Phantasie desDichters entsprungen vielmehr ganz und gar aus demCharakter und den Sitten seines Volkes und vorzüglichseiner lieben Vaterstadt geschöpft. Keine andere Lustspiel-Litteratur hat eine ähnliche Gestalt auszuweisen, ausge-nommen vielleicht die alte römische in der Rolle des ver-trauten Sklaven. Um sich der Tyrannei der französischenDienstboten zu entziehen, versehen sich unsere Landsleutein Paris unausgesetzt mit deutschen, besonders was denweiblichen Teil der Dienerschaft anbetrifft. Durch diesenUmstand erklärt es sich zum Teil auch, warum in den amt-lichen Angaben über die Zahl der Deutschen in Paris dieFrauen mit fast ebenso hohen Ziffern vertreten sind wiedie Männer; so weist die letzte Volkszählung 18 591 Männerund 15 628 Frauen auf. Den Schlüssel zu dieser auf-fallenden Thatsache gleiches Verhältnis der beiden Ge-schlechter bei einer ausländischen Bevölkerung, in der mandoch ein beträchtliches Vorherrschen des viel beweglicherenmännlichen Elements erwarten sollte giebt die vorstehendeThatsache.

Der erwähnte Umstand beeinflußt um so mehr die Er-scheinungen, mit welchen wir es zu thun haben, als die indieses Gebiet eingreifenden Sittenzustände eine beständigeErneuerung des Materials bedingen. Man kann rechnen,daß durchschnittlich ein Zeitraum von drei Jahren dazugehört, eine gute Deutsche, die aus dem Inneren ihres