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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Landes als Dienstmädchen nach Paris kommt, zu demorali-sieren. Am Anfang ihrer Laufbahn kennt sie weder einWort der Sprache, noch den allerkleinsten Kniff, durchwelchen sie ihre Herrschaft hintergehen könnte, versteht sichauch noch sehr schlecht auf einen Liebeshandel. Ein halbesJahr später weiß sie sich vermittelst eines durchaus ver-ständlichen, oft sogar mit allen Feinheiten des fünften Stock-werks gewürzten Kauderwelsch durchzuschlagen. Nachanderthalb Jahren hat sie sich die Kunst der SchwanzesPfennige (iairs äMser 1's,Qss du xanisr) von Grundaus zu eigen gemacht. Noch ein Jahr so unterhält siein vollendeter Weise ihren (Ag-rcls ro.riiÜLixg>1 oder ihrenSchlächtergesellen, wenn nicht beide zugleich. Hat gar dieHerrschaft, um die Fortschritte ihrer Untergebenen zu be-schleunigen, sie bei dem berühmten Koch irgend eines Lsrelsoder Restaurants ausbilden lassen, so vollzieht sich dermoralische Umschwung mit verdoppelter Schnelligkeit. Andiesem Punkte angelangt, läßt unsere blauäugige Blondineihre Herrschaft sitzen und verschwindet in dem großen Ab-zugskanal des Pariser Dienstbotenvolks, dessen Lebens- undzugleich Krankheitsprinzip die achttägige Kündigung ist.Niemals kann in einem Lande, wo, wie in Deutschland ,für beide Teile eine vierteljährliche oder sechswöchentlicheKündigungszeit gilt, die leidige Feindschaft zwischen Herrnund Diener einen derartig heftigen und erbitterten Charakterannehmen wie in den Ländern mit kurzer Kündigungsfrist.Mit so rebellischen Leuten ließe sich nicht noch monatelangnach der Kündigung ein Haushalt führen. Nimmt manan, daß jede deutsche Familie mindestens ein Mädchen hältund durchschnittlich alle drei Jahre Ersatz braucht, so mögeman sich hiernach die Zahl derer berechnen, welche durchdiesen Brauch fortgesetzt aus dem heimatlichen Boden ge-rissen und der Hölle zugeführt werden. Neben dem eigent-