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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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sprechenden Abzugskanal sucht, läuft dieser Mode nach, weilsie ebenfalls Gelegenheit bietet, unbeschränkte Summen aufGegenstände der Schaustellung zu verwenden, welche (vor-läufig wenigstens) bleibenden Wert repräsentieren, und weilsie dabei dem Besitzer die Mitgliedschaft in einer Art Frei-maurerei des guten Tons gewährt, welche sich auf dastüftelige Kunstverständnis an allen Gickchen und Gackchenjapanischer, chinesischer und anderer Spielzeuge was zu gutethut. Dagegen siehts noch immer nicht aus, als wolltensich unsere Reichen auch im Bücherkaufen die Franzosenund Engländer zum Muster nehmen, während namentlichunter dem Einfluß der Wiener Gesellschaft, in welcher dasKavaliertum mit der Finanzwelt am innigsten verschwistertist, die Sucht nach Adelsdiplomen und anderem derartigenläppischem Quark ihre Komik mit wachsendem Ernste weitertreibt. Man sollte denken, der Mißbrauch mit diesen an-geblichen Auszeichnungen biete durch die numerische Ver-mehrung der Ausgezeichneten das beste Gegengift. Alleindem ist nicht so, wie an dem Beispiel der französischenEhrenlegion am besten zu erkennen ist. Trotzdem, wie jüngstein Franzose bemerkte, daß durch die unter der Republik aufs höchste gesteigerte Verschwendung des roten Bandesdie eine Hälfte der Nation der andern Hälfte zur Be-wunderung vorgeführt wird, wachsen die Bittgesuche derstrammen Republikaner nach dem auszeichnenden Kreuz inhundertfachem Verhältnis zu den Spendierungen desselben.Nicht dekoriert zu sein setzt in der Gesellschaft beinahe demVerdacht aus, unter dem Niveau der gemeinen Ehrenhaftig-keit zu stehen. So muß nach Wiener Vorstellungen einrespektabler Finanzmann ebenso bald den bürgerlichen Schimpfabstreifen,*) wie nach preußischer Hofsitte ein General.

*) Ach, sagte vor einigen Jahren der Baron B. zum Baron A. aufder Wiener Börse , mir ist das Pläsier an meinem Adel verdorben, seit-