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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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denken stellt sich bald heraus, daß es der Volksvertretungzwar willkommen sein muß, dem wissenschaftlichen Geisteder Nation mit einer Darlegung ihres guten Willens zuhuldigen, daß sie aber sehr wohl zaudern darf über derWahl richtiger Methode zur Protektion der Gelehrsamkeit.Fühlt auf der einen Seite das deutsche Volk, daß es demreinen und gründlichen Forschergeist seiner Gelehrten zumgrößten Dank verpflichtet ist für deren tiefeingreifendenAnteil an seiner eigenen inneren und äußeren Entwicklung,daß es ihnen daher im eigensten Interesse jedwede Förderungschuldet, so drängt sich nicht minder von der anderenSeite der Gedanke aus: daß die schöne und reiche Ent-faltung des deutschen Forscherfleißes vor allem der stillen,frommen, hingebenden Arbeit des einzelnen entsprossen ist;daß gerade die keusche, unverdrossene, nur sich selbst lebendeLiebe zur Sache dem deutschen Studium seinen schönstenCharakterzug gesichert hat, und daß es gilt, sich zweimal zubesinnen ehe man mit offizieller Gunst den stillen Arbeiterin den vier Wänden seiner beschaulichen Zelle heimsucht.Glücklicherweise sind wir noch nicht in Gefahr, dem peren-nierenden Lorbeer- und Weihrauchsaustausch der Akademienund anderer auf Gegenseitigkeit beruhender Lobesassekuranz-anstalten zu verfallen; glücklicherweise sind so abgeschmackteKomödien, wie die jüngste Preisausteilung am Schlüsseder Pariser Kunstausstellung bei uns nicht denkbar. Selbstmit Kindern, geschweige denn mit erwachsenen Künstlern,würde man nicht diese ekelhaft affektierte Verzückung auf-führen, daß bei Überreichung eines Ordens oder einerMedaille der Minister den Empfänger an seine Brust drücktund abschmatzt und das im Anblick schwelgende Publikumzu der theatralischen Rührscene auch theatralisch Bravoklatscht. Bewahre uns der Himmel vor solcher Affenliebezu Kunst und Wissenschaft, und hüte sich ein jeglicher, uns