— 275 —
gestreckt, wanderten die Werke der griechischen Kunst einesnach dem andern ins Abendland hinüber, und während dasPapsttum seine Residenz zum Mittelpunkte der christlichenKultur nnd namentlich der italienischen Kunst erhob, ver-sank das alte Vaterland der Musen in barbarische Verwil-derung. Erst die letzten Jahrzehnte haben versucht, dieSchuld der Pietät gegen das europäische Mutterland derBildung abzutragen, nnd die Spuren des Genius daselbstwieder aufzusuchen und zu heiligen. Aber eine arme undverwahrloste Bevölkeruug und das ihr nach der konstitutio-nellen Schablone verschriebene Regiment, die kaum daseigene Staatswesen am Leben zu erhalten die Mittel besitzen,haben natürlich nichts übrig zur genügenden Unterstützungwissenschaftlicher Unternehmungen. Vereinzelte Anstrengungenopulenter Kunstfreunde (namentlich also englischer) oderunerschrockener Gelehrten haben sporadisch Großes geleistet.Um eine regelmäßige und ineinandergreifende Thätigkeiteinzusetzen, mnßte von außen her eine öffentliche Anstaltimportiert werden. Das haben die Franzosen gethan. Ihremnationalen Ehrgeiz gebührt die Anerkennung, daß er, wennanch in erster Linie ans Kriegsruhm, doch seit lange inzweiter darauf gestellt war, in Kunst und Wissenschaft Lor-beeren zu suchen. Mag die angeborne Eitelkeit ihren An-teil an diesen Liebesmühen im Dienste der Kultur haben,wo Gutes erzielt wird ziemt es nicht, allzu scharf nach denmenschlichen Triebfedern zu fragen. Diese höhere Richtungin der französischen Ruhmsucht knüpft wie, trotz allem, soviel Gutes an die erste Revolution an. Die Idee der wissen-schaftlichen Mission, welche den General Bonaparte nachÄgypten begleitete, entsprang nicht sowohl seinem Geist(denn er war in seiner Seele ein Barbar) als dem Humanitären Geist, welcher den Anfängen der großen Erhebung zu Grundelag, und auch in deren Entartung nie ganz verloren ging.
18*