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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Der politische Krieg und Sieg hat Wunden geschlagen,die er auch zu heilen berufen und befähigt ist. Wie so oftin der Geschichte, ist hier ein Umschwung der Dinge ein-getreten, welcher auch seinerseits wieder zur Ausgleichungder Verhältnisse zurückführt. Doch wird selbst mit Auf-bietung seiner ganzen Kraft das neue Deutsche Reich nichtsofort die Wissenschaft ganz schadlos halten können für dieEinbuße, welche sie durch die Störung des Verkehrs zwischender französischen und der deutschen Gelehrtenwelt erleidet.Es wird niemandem auf der Welt ein großer Erfolg ge-schenkt, uud am wenigsten uns Deutschen. Auch ist manch-mal im ärgsten Bombast ein Körnchen Wahrheit. So inVictor Hugos Paris als Zentralorgan und Tempel derZivilisation! Auch London mit seinem unendlichen Briti-schen Museum, auch Rom mit seinem unabsehbaren Vaticansind ja unerschöpfliche Behälter von Schätzen für alle mensch-lichen Studien. Aber so allseitig, vielleicht sogar im ganzenso reich wie Paris mit seinen vielen Bibliotheken, Hand-schriften (über 100 000 allein in der Bibliothek der RueRichelieu) und Kunstsammlungen ist wohl weder London noch Rom . Und wenn auch das nicht wäre, welche Stadtmachte es vormals dem Gelehrten so bequem und ver-führerisch, sich zur Verfolgung seiner Studien da nieder-zulassen ?

Wenige von den Zahllosen, die einen Teil ihrer Studien-jahre in Paris verlebt haben, werden nicht dieser Zeit einenschönen und dankbaren Platz in ihrer Erinnerung einräumen.Das verborgene Bewußtsein einer vornehmeren Völker-familie anzugehören, das dennoch stets auf den deutscheuFremdling als ans einen fleißigen, gemütlichen, absonderlichenBarbaren herabsah, war dem schärfer blickenden Auge auchzu den gastlichsten Zeiten kein Geheimnis, wie denn geradedas aristokratische Überlegenheitsgefühl zur liebenswürdigen