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wo es sich um historisch volkstümlichen Sinn handelt, derihnen, wie keiner anderen Nation, abgeht. Ganz umge-kehrt verhält es sich z. B. in Italien. Von Griechenland weiß ich es nicht aus eigener Anschauung, doch versichernkompetente Beobachter das gleiche, was meine und andererErfahrung mir an den Italienern bekundet hat. Da lebtdas ganze Volk, soweit es nur überhaupt etwas von Denk-leben hat, im Gefühl eines ununterbrochenen Zusammen-hanges mit der klassischen Vorzeit. Die Naivetät, mit dersich jeder für einen direkten Abkömmling der alten Umbrier,Römer oder Großgriechenlünder weiß, hat etwas Komisch-er-freuliches. Von Scipio oder von Titus sprechen sie wievon ihrem leiblichen Urgroßvater, und kommt man garnach Sicilien, so reden sie einem von Archimedes, Dionysoder gar von Odysseus wie von einem vertrauteu altenVetter. Die Kette der Ereignisse ist ihnen gar nicht unter-brochen; ich ergötze mich noch heut an der Erinnerung derSituation, da Signor Salvatore Politi, mir die Reste einesDianentempels in Syrakus zeigend, ganz trocken hinwarf:„Damals war Diana die Patronin der Stadt, wie es seit-dem Santa Lueia geworden ist." Ich mußte unwillkürlichan die frauzösischeu Ladenschilder denken, auf denen zulesen steht: Na-isoir Diana, Ns-Zaras Lairits Duoissuecssssur. Bei solch offenem Sinn für die Historie undLegende, in Ländern, wo der dritte Mann mit Antiqui-täten zu thun hat, gewinnt offenbar die fremde Nation anBedeutung und Zuneigung, welche sich an Ort und Stellein Form Rechtens niederläßt und ausbreitet, um den ge-schichtlichen Boden zu durchforschen. Prof. Forchhammerschildert dieses Verhältnis sehr lebhaft in seiner bereits er-wähnten Rede, und fügt hinzu: man würde es für Über-treibung halten, wollte er seiner Erfahrung gemäß schildern,wie die überall in Italien kundbar gewordene Thätigkeit