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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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und noch viel mehr seit 1870, das Studium der deutschen Sprache in fremden Ländern an Jüngern gewonnen hat.Wenn es wahr ist, wie man sagt, daß der preußische Schul-meister die Schlacht von Königgrätz gewonnen hat, so habenumgekehrt die Schlachten von Königgrätz und Sedan auchunzählige Schulmeister gewonnen. Es sei nun mit demKrieg wie es wolle: nichts imponiert der Menschheit mehrals thatsächliche Überlegenheit, nnd Moltke hat mehrItalienern und Franzosen die Lust uach dem Deutschlernenerweckt als Schiller.

Kehren wir aber noch einmal zum eigensten Interesseder Wissenschaft selbst zurück, in welche die hier zur Sprachekommende Sache noch von einer anderen Seite mit Be-deutung eingreift. Mit der Anschauung an Ort und Stellenämlich hängt der Fortschritt von der trockenen Buchgelehr-samkeit zur lebendigen Anschauung, zur menschlichen Auf-fassung der Geschichte uud Litteratur der Alten aufs innigstezusammen. Man weiß, wie die Philologie ehedem, nament-lich unter dem Einfluß der scholastischen Methode, ver-knöchert und vertrocknet war; wie in Deutschland noch be-sonders durch die Dürftigkeit und Kleinseligkeit der ganzenExistenz, daneben im katholischen Deutschland durch diegeisttötende, das Gedächtnis mechanisierende Prozedur derJesuiten , im protestantischen durch das dürre Magister-weseu die Philologie noch mehr als jede andere Wissen-schaft zum Urbild der im Bücherstaub erstickten Forschunggeworden war. Wir wollen nicht leugnen, daß diesesstupende Grübeln und Haarspalten, dieses grammatischeBuchstabeuklauben und ameisenartige Anhänfen von Parallel-stellen in seiner Weise die höhere Entwicklungsperiode derLinguistik so vorbereitet und möglich gemacht hat, wie etwader Zopf-, Lederzeug- und Gamaschen-Kultus früherer undspäterer Preußenkönige den Grund zu dem fein organi-

Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. i»