— 290 —
sierten und vollkräftigen Instrument gelegt hat, in welchemMoltkes durchgeistigtes Feldherrngenie den adäquaten Voll-zieher seiner Konzeptionen finden konnte. Die Sprachkundevon heute verhält sich zu der von vor hundert Jahrenetwa wie die Eisenbahn- und Telegraphen-Bataillone unsererjetzigen Armee zu den steifen Riesengrenadieren FriedrichWilhelms I. ") Aus einem toten Wortkram, einer gelehrtenWachtparaden-Spielerei ist die Philologie die höchste undfruchtbarste Wissenschaft der Natur und des Lebens ge-worden, eine würdige Schwester der Physiologie, welche inden tiefsten Prozeß der Entwicklung des Menschengeschlechtseindringt und ihm das geheimnisvolle Werden seines eigenenDenkens an dessen unmittelbarer Gestaltung in Laut, Wortund Satz zur Vorstellung bringt. In keinem Zweige mo-dernen Wissens aber sind die Deutschen so unbestrittener-weise die Meister der Welt gewesen und bis auf diesenTag geblieben, wie eben in dieser Linguistik; das vermagnicht einmal die wahrlich nicht zimperliche Verkleinerungs-sncht der Franzosen zu bestreiten. Jene geniale Kombi-nierung von historischen, Philologischen uud Philosophischen Vertiefungen, welche das wunderbare Gebilde der heutigenSprachkunde geschaffen hat, ist die Frucht des deutscheuJugeuiums in Verbindung mit deutschem Fleiße, und wenndie andern Nationen in den Champollion, De Sacy , Fauriel,
*) Auch der allgemeine Wehrdienst sorgte in seiner Weise für dieDurchdringung von Leben und Gelehrsamkeit. Die jungen Philologen,welche 187» das Gewehr trugen, waren keine Stubenhocker, und der Reiters-mann, welcher den Bericht über Scdan auf Sanskritisch schrieb, war nichtder einzige seiner Fakultät. Zwei tüchtige Forscher, die ich oft auf derBibliothek in Paris über Manuskripten brütend gefunden, Brackelmannund Pabst, sind vor Metz gefallen. Einen Sanskritaner, der jetzt inStraßburg Professor ist, traf ich in Meudon auf Wache als freiwilligenJäger mit der Büchse auf der Schulter und der unvermeidlichen Brille aufder Nase.