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dienende Klasse, eine, welche alles und eine, welche nichtszu verlieren haben soll. Wehe denen, die in der Mitteliegen! Damit sie hübsch still halten, sollen sie sich erziehenzu einer reinlichen Gesellschaft, welche nicht wissen will,was für sie in der Staatsküche gekocht wird. Denn gewiß,der Einblick in die Küche verdirbt den Appetit, wie dieEinmischung in die Politik den Charakter verdirbt. Wennmans nur nicht essen müßte! Ein weiseres Wort abersagt: Kocht Jhrs gut, esst'Jhrs gut; oder^ auch: Wie mansein Bett macht, so liegt man.
Die an die gebildete Mittelklasse gerichtete Warnungvor der Politik ist eine fromme Kupplerin jener Cäsaren-demagogie, welche mit den Massen liebäugelt und darumnicht will, daß die Mittelklasse sich ausdehne nnd die unterenKlassen in ihren Schoß aufnehme. Diejenigen, welche denschönen Spruch von der charakterverderbenden Politik aufdem Markt der öffentlichen Meinung umhertragen, sind ge-wiß nicht eingeweiht in jene Pläne; aber sie gehorchen demInstinkt gemeiner Betriebsamkeit, die sich überall zudrängt,wo ungerechte Beute verteilt wird.
Wohin soll sie nuu gehen, die Flucht vor der Ver-derbnis des teuren Charakters? Dichter, Künstler undGelehrte, welche den Staub der Landstraße fliehen und dieeinsame Zelle für ihr Denken und Schaffen begehren, hates immer gegeben. Um diese aber handelt es sich nicht.Der Warnungsruf geht nicht aus von den schöpferischenGeistern, welche dem Jahrmarkt des Lebens vornehm denRücken wenden, sondern von Leuten, welche ihre Bude aufder Straße aufgeschlagen haben und als kleine Wiederver-käufer das Brot des Geistes pfennigweise Verschleißen.Ihre Warnung vor der Politik soll die eigne Ware an-empfehlen. Was aber bieten sie an Stelle der schädlichenPolitik? In Frankreich heißt es — Figaro! Das Ideal,