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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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das der stündlich wachsenden Zunft der literarischen Zucker-bäcker vorschwebt, ist jenes Organ für Altar und Alkoven,welches einer der größten Pariser Cyniker unter dem zweitenEmpire mit tiefer Erkenntnis seiner Epoche ins Leben ge-rufen hat. Wie viele Exemplare des französischen Originalsregelmäßig nach Deutschland gehen? Viele Hunderte jeden-falls und vielleicht mehrere Tausende. Denn in den Zeitnngs-buden jeder Eisenbahn und jeder großen Stadt ist es regel-mäßig auf Lager. Und dem großen Vorbilde nachzustreben,mühen sich daheim aller Orten Federn ohne Zahl ab. Wiein Frankreich, so in Deutschland wird allmählich derjenigeTeil der Tageslitteratur, welchen mandie Chronik" nennt,zur Hauptsache, und es ist nur natürlich, daß der mit schalemZuckerzeug übersättigte Appetit bald nach stärkerer Würzeverlangt, die zuletzt aus Skandal bereitet wird. Das allesmuß man sich gefallen lafsen, wie alles, was die Zeitbringt trotz der nie fehlenden Jeremiaden, die nie etwasabgewendet haben. Nur soll man uns nicht noch obendreindiese saubere Kost als heilsames Schutzmittel vor der Be-schädigung des Charakters anpreisen.

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Aber verdirbt die Politik nicht dennoch in der Thatden Charakter? Ohne Zweifel! Wasser, Luft und Lichtverderben jedwedes, was da lebt. Alles Leben verzehrtsich in der Reibung mit allem Leben. Und was sich vordiesen zerstörenden Kräften des Lebens retten wollte durchdie Flucht vor der Berührung mit Luft, Licht und Wasser,ginge erst recht schnell und elend zu Grunde. So auchverdirbt die Polilik den Charakter, wie der Charakter diePolitik; noch mehr aber thut es die künstliche Absperrunggegen das starke und immer stärker werdende Element desgemeinsamen Lebens im Staate, welches nun einmal das Leben