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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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in der Gesellschaft und im Erwerb immer mehr dnrchdringt.Ist der Philister, der sich vergnügt die Hände reibt, wennhinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen,ein besserer Mensch als der Neugierige, der da erfahrenmöchte, welche Experimente die hohen und gelehrten Herrenauf der Höhe des Staats mit seiner s-nirns. vilis vorhaben?Ob es ihm mehr fromme, eine Mietssteuer oder eine Pe-troleumsteuer zu zahlen, auf Staats- oder auf Privatbahnenzn fahren, Monopol- oder freigezogenes Kraut zu rauchen,seine Söhne auf Realschulen oder Gymnasien erziehen, siezwei oder drei Jahre dienen zu lassen? Waren sie glück-licher, als ihre heutigen Enkel, jene Vorfahren, denenSerenissimus, weil sie sich gegen seine Maitresse auflehnten,ernstlichst verbot, sich nm seine Angelegenheiten zn kümmern,maßen er keine Naisonneurs zu Unterthanen haben wolle?"Und ist er so charaktergroß, der heutige Residenzphilister,der, aus dem Samen jener Lieben und Getreuen aufge-gangen, all sein Fühlen, all sein Denken in die allerhöchstenLandesfarben kleidet? Den Charakter, der sich im Gefühldes süßen Friedens sonnt, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen, kann man sich vorstellen.Aber der Charakter, der sich beruhigt das Wänstlein streicht,wenns ihm selbst an Kopf und Kragen geht, ist schwer zukonstruieren.

Auf den ersten Blick erscheint es wie ein vollkommenerWiderspruch, daß die breite Mittelstraße des Besitzes undder Bildung reingehalten werden soll vom Drängen undStoßen des öffentlichen Lebens just in einer Zeit, wo diesesöffentliche Leben Bildung und Besitz und was nicht allesin das Bereich seiner Funktionen zieht. Und doch, wie be-greiflich ist es, daß in einer Zeit, in welcher die Massentiefer uud tiefer aufgewühlt werden, den friedlich und rein-lich gesinnten Bürgerstand die Sehnsucht überkommt, dieser