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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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ohne Zaudern diequalitative" als die höhere, philo-sophischere, als die wahre bezeichne und daß ich das Lebeneines Goethe für das Wohl einer Nation, ja der Menschheithöher schätze als das Leben von tausend Kommunards. Dashindert übrigens durchaus nicht, daß in den Thatsachendiequantitative" Weltanschauung doch immer Recht behält.Es ist eben damit wie mit Pessimismus uud Optimismus:kein denkender Mensch kann auch nur einen Augenblickzweifeln so lange er die Dinge mit der Leuchte derVernunft betrachtet daß das Übel in der Welt dasMaß des Guten unendlich überschreitet; aber das Gefühlstraft die Vernunft Lügen, indem es uns sagt, das Lebensei ein Gnt, das um jeden Preis festzuhalten sei, und manmüsse sich mit Händen und Füßen dagegen sträube», ausdiesem Jammerthal gerissen zu werden. So ist es auch mitder Demokratie; ob man sie als ein Übel ansehe oder alsein Gut, sie ist einmal da und wird von Tag zu Tagwachsen und alle müssen ihr Heeresfolge leisten, die Aristo-kraten des Geistes wie die der Geburt. Es ist so offenbarunmöglich, die Menschheit auf eine andere Bahn zu leiten,daß nur Verblendete daran denken können, den Strom auf-zuhalten. Kein Wunder, daß heute alle Probleme im Sinneder Demokratisierung des Daseins gefaßt und gelöst werden,wie Sie sagen.

Ebenso sehr pflichte ich Ihnen bei, wenn Sie be-haupten, daß es mit der Warnung vor der Politikwederauf die oberen, noch die unteren, sondern einzig und alleinauf die mittleren Schichten abgesehen sein" kann. Nurunterscheiden Sie meiner Ansicht nach nicht genugsamzwischen den beiden Hälften der mittleren Schichten, zwischendenen doch der Bildungsabstand viel größer ist, als zwischeneiner von ihnen und der Aristokratie einer-, der arbeitendenKlasse anderseits. Und nicht nur durch die Bildung steht