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der Handwerksmeister dem Arbeiter näher als dem ehe-maligen Gymnasiasten; auch sein „Leben gehört viel zu sehrder Plage ums tägliche Brot, als daß er stark der Ver-suchung ausgesetzt wäre, sich Kopf und Busen mit Sorgenanzufüllen, die keine Lebenssorgen sind." Findet dies dochauch auf den höheren Mittelstand, namentlich die Studierten,eine Anwendung, und ist es doch gerade ein Grund mehr,warum sie sich von der thätigen Politik fernhalten sollten.Und damit komme ich zu dem Punkte, den Sie mir nichtbestimmt genug hervorgehoben zu haben scheinen.
Die Demokratie, sagen wir alle, ist Thatsache undwirds immer mehr werden. Alle Demokratie aber in großenStaaten setzt Vertretung voraus. Die vollständige Selbst-regierung durch UrVersammlungen ä la, Rousseau ist undenkbarim Großstaate. Es fragt sich also nur: erstens, wo wähltdie Demokratie am besten ihre Vertreter? und zweitens,was und wieviel von der Staatsthätigkeit kann diesen Ver-tretern delegiert werden? Mir scheint nun die Antwortauf die erste Frage doch ziemlich unzweifelhaft: man wähltdie Verwalter, die Aufseher und die Gesetzgeber am bestenunter den Leuten, die das Metier gelernt und nichtsanderes zu thun haben. Aristokratien, wie die römische,venetianische, englische, wo die Staatskunst als Familien-tradition gepflogen wurde, werden wohl nicht wieder auf-kommen; darum aber bleibt die Staatskunst doch eine Kunst,d. h. eine Spezialität, die erlernt sein will. Diese zu er-langen braucht Muße oder eine ausschließliche Konzentrationauf diese eine Thätigkeit. Es ist hundertmal gesagt worden:ein Schuhmacher brauche vier Jahre Lehrzeit, um sein Hand-werk zu lernen; sollte einem die Staatskunst anfliegen?Kann man sich ihr nur mit Erfolg hingeben, wenn manein anderes Geschäft daneben treibt? Eine einsichtigeDemokratie wird demnach wohl daran thun, ihre Verwalter
Ludwig Bambcrger'S Ges. Schriften. I.