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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Daß die Politik überdiesden Charakter verdirbt" isteine Nebenfrage, immerhin eine, die schwer zu verneinen ist.Schon das einfache Interesse am politischen Kampfe, wieam religiösen, entfacht die Leidenschaften über Gebühr, weilman bei dem besten Willen Partei nehmen muß: wer aberPartei sagt, der sagt: Opfer der Wahrheit, der Überzeugungund der Unabhängigkeit auf dem Altar der Leidenschaft.Auch bin ich garnicht so sicher wie Sie, daß das Interessean derChronik" einer Zeituug soviel schlimmer ist, alsdas an den politischen Parteikämpfen. Die Politisch ge-bildetste Nation Europas , die englische, ist gerade diejenige,welche für die Verbrechen derChronik" das lebhaftesteInteresse an den Tag legt. Und dieses Interesse ist dochimmer psychologischer Natur, es ist außerpersönlich, daherimmer noch edler als das an der Politik, wobei das Per-sönliche, sei es auch nur indirekt durch die Partei, stets eineRolle spielt. Die Sache wird aber noch viel bedenklicher,wenn es sich um thätige Politik handelt. Sie sagen:DiePolitik verdirbt den Charakter, wie alles, wenn es danachbetrieben wird. Wie haben Religion, Gelehrsamkeit, Kunstdie Gabe, den Charakter zu verderben, wenn sie mit schlechtenNeigungen verquickt werden." Da liegts eben;wenn siemit schlechten Neigungen verquickt werden"; das ist alsonicht notwendig der Fall, während die thätige Politik not-wendig schlechte Neigungen erweckt und entwickelt. Wohlherrscht auch unter Künstlern und Gelehrten, Kaufleutenund Ärzten Neid und Gehässigkeit, wie's bei aller Kon-kurrenz um Geld oder Ruhm nicht anders sein kann; abersie herrschen doch nicht immer und überall auf diesenThätigkeitsfeldern und sie gedeihen nicht so üppig als da,wo die Konkurrenz direkten Zusammenstoß der Personenmit sich bringt, wie im öffentlichen Leben, das ja rechteigentlich in dem lauten, offenen Streit besteht. Man muß