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HI.
Zur Naturgeschichte des Politikers.
An Karl Hillebrand in Arcachon .Lieber Freund!
Wir Politiker sind vielleicht doch keine so schlechtenMenschen wie Sie denken. Vielleicht! sage ich, denn aller-dings glaube ich erfahren zu haben, daß der Mensch sichimmer weniger kennt, je länger er mit sich umgeht; daherer sich auch immer weniger gut mit sich vertrügt. Wennman nämlich auch mit den Jahren mit seinen Fehlern aus-kommen lernt, so gereicht doch ein auf wachsender Nachsichtberuhender mocZus vivsudi oum ss ixsc> nicht gerade zuwachsendem Vergnügen. Das holde Einverständnis mit sichselbst ist das Beste am Jugendglück, und schon deshalb —von vielem anderen abgesehen! — gehöre ich nicht zu denen,welche das Alter als die Blüte des Lebens preisen. AllerAnfang ist leicht; und die Kunst zu leben insonderheit wirdimmer schwerer, je länger man sie treibt.
Wundern Sie sich nicht darüber, daß ich mit dieserAbschweifung anfange. Das soll Sie vielmehr darauf vor-bereiten, daß meine Antwort fast nur aus Abschweifungenbestehen wird. Denn wie? Dies bescheidene Blättlein,welches die Eintagslaune unter den Auspicien unseres ge-meinsamen Freundes als „Freie Stunden" in die Weltgesetzt hat, ist, wie man mir sagt, schon von Seiner Majestätdem Publikum von Gottes Gnaden viel zu ernst befundenworden; und wenn ich nun gar mit Ihnen eine Verhand-lung über die Höhen und Tiefen des Weltganges hier weiter-fpänne, so Hütten auch die Nachsichtigsten ein Recht sich zubeklagen, daß man sie noch in ihre Muße hinein mit derPolitik verfolge. Ich bitte mich wohl zu verstehen. Was