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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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HI.

Zur Naturgeschichte des Politikers.

An Karl Hillebrand in Arcachon .Lieber Freund!

Wir Politiker sind vielleicht doch keine so schlechtenMenschen wie Sie denken. Vielleicht! sage ich, denn aller-dings glaube ich erfahren zu haben, daß der Mensch sichimmer weniger kennt, je länger er mit sich umgeht; daherer sich auch immer weniger gut mit sich vertrügt. Wennman nämlich auch mit den Jahren mit seinen Fehlern aus-kommen lernt, so gereicht doch ein auf wachsender Nachsichtberuhender mocZus vivsudi oum ss ixsc> nicht gerade zuwachsendem Vergnügen. Das holde Einverständnis mit sichselbst ist das Beste am Jugendglück, und schon deshalbvon vielem anderen abgesehen! gehöre ich nicht zu denen,welche das Alter als die Blüte des Lebens preisen. AllerAnfang ist leicht; und die Kunst zu leben insonderheit wirdimmer schwerer, je länger man sie treibt.

Wundern Sie sich nicht darüber, daß ich mit dieserAbschweifung anfange. Das soll Sie vielmehr darauf vor-bereiten, daß meine Antwort fast nur aus Abschweifungenbestehen wird. Denn wie? Dies bescheidene Blättlein,welches die Eintagslaune unter den Auspicien unseres ge-meinsamen Freundes alsFreie Stunden" in die Weltgesetzt hat, ist, wie man mir sagt, schon von Seiner Majestätdem Publikum von Gottes Gnaden viel zu ernst befundenworden; und wenn ich nun gar mit Ihnen eine Verhand-lung über die Höhen und Tiefen des Weltganges hier weiter-fpänne, so Hütten auch die Nachsichtigsten ein Recht sich zubeklagen, daß man sie noch in ihre Muße hinein mit derPolitik verfolge. Ich bitte mich wohl zu verstehen. Was