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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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aber Form und Inhalt lassen sich nie so ganz scheiden,daß man nicht glauben dürfte, der Mann von ehemals,welcher den Intriganten der Kurie und den Deklaranten derKreuzzeitung ein Dorn im Auge gewesen, habe eine leb-haftere Empfindung für die Bedürfnisse des Volksbewußt-seins gehabt, als der, welcher heute um die Allianz jenerMächte wirbt und von ihnen beglückwünscht wird, weil erihnen zum Schemel ihrer wieder emporstrebenden Macht zuwerden verspricht.

Schwerlich hätte damals der Kanzler die drei umfang-reichen Bände seiner Frankfurter Berichte in die Welt ent«sendet, in denen neben außerordentlich viel Bewunderns-wertem auch des Bedenklichen nicht wenig zu lesen ist. Erhätte auch das Bedürfnis dazu nicht empfunden, denn keinehrlicher Deutscher brauchte damals durch die Vergleichungvon Sonst und Jetzt auf die Verdienste des Mannes auf-merksam gemacht zu werden, welcher das Deutsche Reich insLeben zurückgerufen hat.

Als die Aushängebogen mit dem Anziehendsten ausden Poschingerschen Enthüllungen an die Zeitungen ver-abfolgt wurden, fielen natürlich Redaktionen und Leser überdie schmackhaften Bissen her. Über dem ersten Genuß ansolch leckerer Kost schweigen die Bedenken, uud die befriedigteNeugierde zollt gern den Tribut ihrer gerechten Bewunderung.Doch das die moralische Gesundheit angreisende Element,welches zu diesem Gaumenkitzel gerade am meisten beiträgt,ist damit nicht unschädlich gemacht. Auch der so flüchtigeZeitungsgennß läßt eine Gesamtwirkuug zurück, die sich zueinem bleibenden Ansatz verdichtet und für das Urteilenwie das Handeln der Menschen mit bestimmend wird. Imvorliegenden Fall haben wir es überdies nicht bloß mit denrasch servierten Gerichten zu thuu, welche die Tagespresseauftischt. Drei starke Bände, wenn schon keine Nahrung