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seines Lebens beseelt hatte. Wenn er mit einer frivol er-scheinenden Kaltblütigkeit dem König die Dinge erzählt, wiesie sich in Plombisres begaben, so galt eben zwischen ihnenals ausgemacht, daß sie auf jede Weise den Bruch mitOsterreich herbeiführen mußten und in den Mitteln nichtgar wählerisch zu sein die Möglichkeit hatten. Aber Cavourhätte sich wohl nicht in dieser Weise gehen lassen, wennihm der Gedanke gekommen wäre, daß man seinen Briesdem großen Publikum nach fünfundzwanzig Jahren Preis-geben würde.*)
Über die Frage, in wie weit es erlaubt sei, deu Knotenhistorischer Verhängnisse unter dem Deckmantel der Listmit der scharfen Schneide der Gewalt zu zerhauen, magman so oder anders denken. Gewiß ist aber, daß dasöffentliche Sichbekennen zu solcher Handlungsweise viel weiterträgt, als dem Sinne der Handelnden entspricht. Was eindie anderen überragender Mann an besonderer Stelle inbesonderer Lage zu thun sich entschließt, giebt noch nichtdas Maß für das, was er als Mensch in gewöhnlichmenschlichen Dingen sich erlauben würde, uud so lange dieFäden seiner Gedanken uud seiner Pläne unter dem Schutzeines, wenn auch halb durchsichtigen, Geheimnisses verborgenbleiben, wird wenigstens die Scham des öffentlichen Be-wußtseins, die letzte Zuflucht des Lc>Qssnsri.8 oirmirun, nichtvergewaltigt. Von dem Moment ab jedoch, wo solche Ge-ständnisse aus dem gemeinen Markt des täglichen Lebensumhergestreut werden, entlehnt der erste beste daraus das
*) In den von Chiala herausgegebenen 2 Bänden „Briefe Cavour's "befinden sich deren zwei an La Marmora vom selben Datum (24. und25. Juli 1858), worin er dem General den gedrängten Inhalt obigen anden König gerichteten und unzweifelhaft echten Schreibens wiedergiebt,welche aber auch von der ganzen Glut und Hingebung seiner patriotischenEnergie Zeugnis ablegen.
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