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schäftigen sich viel zu sehr mit auswärtigen Dingen. Dasist noch eine der schädlichen Erbschaften unserer erst halbüberwundenen politischen Krähwinkelei nnd unserer nochgar uicht überwundenen geistigen Zersplitterung. Wer denDeutschen etwas sagen will, ist noch heute sicherer es ihnenüberall zu Gehör zu bringen, wenn er es in die „Times"oder in den „Temps " setzt, als in irgend ein deutschesBlatt. Unsere Zeitungen bringen regelmäßig nicht nur diein den Parlamenten, sondern auch die in den Fraktionengehaltenen Reden der französischen Abgeordneten. Nochniemals, darauf kann man jede Wette eingehen, hat einfremdes Blatt erzählt, was in einer Berliner Fraktion ge-sprochen worden ist. Ja! wenn Jules Simon in einerFraktion spricht, ist er viel sicherer durch die „FranzösischeKorrespondenz" in die Berliner Blätter zu kommeu, alsGneist an Ort und Stelle. Wer kennt nicht Jules Simon in Deutschland ? Wer außer den Gelehrten des Fachskennt Gneist in Frankreich ? Und doch steckt in Gneist zehn-mal mehr wie in Simon.
Als jüngst der Lordmayor von London „unserem"Stöcker die Erlaubnis im Stadthause zu reden wieder ent-zog, erklärte er, bei der ursprünglichen Zusage gar nichtgewußt zu haben, wer Stöcker sei. „^Vlio 1s Ltosolcsr?Wer ist Stöcker?" rief er, „ich hatte keine Ahnnng!" —Für Deutschlands Ehre wäre es besser gewesen, er hätte esnie erfahren. Aber uehmen wir an, es gäbe in England eine so seltsame Figur, d. h. einen am Morgen vor demHof predigenden und am Abend in vorstädtischen Bierlokalenagitierenden Geistlichen, unsere kleinsten Dorfzeitungen hättensein Bild schon lange in ihrer Sonntagsbeilage gebracht.
Dies Erbübel ist zu einem guten Teil mit Schulddaran, daß unsere Presse immer mit dem Ausland „ver-zankt" ist." Die Selbstverleuguuug ihrer kosmopolitischenNeugierde gleicht sie dann durch die Übertreibung ihres