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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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zu thun haben. Der Deutsche ist vor allem ein geduldigerSchüler. Geduldig über die Maßen und ein Schüler seinelieben Lebtage lang. So sagt ihm denn der Schauspiel-direkor beim Eintritt in sein Haus: mein Sohn, oder meineTochter, du wirst dich während der Schule jetzt nicht mitAllotris abgeben, und um dessen gewiß zu sein werde ichdich nötigen, während des Unterrichtes unverwandten Augesauf die Bühne zu schauen, wie du in der Klasse auf dieschwarze Tafel schautest (oder auch nicht), wenn derHerr Lehrer eine geometrische Figur explizierte. Natürlichlächelte ein solcher Pädagogischer Brauch ganz besonders denMeiningern, die sich einbilden, das Publikum zu erziehen,und dem Meister Wagner, welcher wußte, daß man dasPublikum tyrannisieren muß, um ihm zu imponieren, be-sonders in Deutschland . Und so ist in Ausbildung diesesUnwesens glücklich das schöne Ziel erreicht, daß mir ver-boten ist, mein Auge, so lange gespielt wird, auch nur eineMinute lang mit etwas anderem als den Vorgängen aufder Bühne zu beschäftigen. Ich muß zusehen, wie die zweials Löwen verkleideten Buben in der Zauberflöte ihre Späßeausführen, wie die Hohepriester ihre Tuba feierlich vor sichaufpflanzen, wie Almaviva mit Rosiue am Klavier tändelt,während Bartolo hinausgelaufen ist, oder wie Kaspar dieKugeln gießt, während die Eule mit den Flügeln schlägt;nichts wird mir erlassen, was dem kleinen heute zum ersten-mal ins Theater geführten Mädchen unbändige Freudemacht, was mich alten Menschen aber schon etliche dutzend-mal zur Verzweiflung gebracht hat. Und während ich alsbraver Schüler hier Acht geben muß, möchte ich lieber alsunbraver die nette Dame da drüben ansehen, die sich aufWunsch der Intendantur heute extraschön gemacht hat, abernun in Dunkelarrest sitzt und sich langweilt wie ich. Undgiebt es keine Sänger, die schlecht spielen, keine Sängerinnen,

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