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den Inhalt des Politischen Lebens aufzusaugen drohen. Indie Litteratur ist natürlich damit auch der Geschmack über-schwänglichster Selbstverherrlichung eingezogen, und imTheater wird in des Wortes verwegenster Bedeutung unterPauken und Trompeten das Prophetenhandwerk mit allenseinen Kunstgriffen geübt. Warum auch nicht, wenn schonim prosaischen Tagewerk die Zukunftsmusik alles andereübertönt? Wir leben nur noch im Futurum. Der einewirft sich mehr auf das einfache, der andere auf das tu-t,rrruni sxaczturri, die zukünftige Vergangenheit. Der einelegt die ersehnten Ziele aller Mühsal freiheitsgläubigerGenerationen als überwundene Standpunkte zu den Toten,um auf feurigem Wagen in den Himmel aufzufahren, woungeahnte Probleme gelöst werden; der andere feiert diekümmerlichsten Anfänge von Versuchen als siegreich voll-zogene Großthaten. Die nur noch auf dem Papier stehendenParagraphen einer eng umschriebenen und hart umstrittenenSozialgesetzgebung werden in stolzem Aufmarsch als diesicheren Vorboten einer gelösten sozialen Frage vor unserenAugen vorüber geführt; und in den Lederstrumpfgebildender Kolonialromantik erscheinen die Lehmhütten afrikanischerNegerdörfer als die sicheren künftigen Rivalen hindostanischerKultur, deren Entfaltung den Anfängen unserer eigenenum Jahrtausende vorangegangen ist. Schließlich, wenn dieZweifel aus der Nähe gar nicht zu bewältigen sind, mußder „Deutsche im Ausland" zu Hilfe kommen. Natürlichim möglichst fernen Ausland, weit weit über die See.Wenn die Salutschüsse im Hafen ertönen, wenn die Flaggelustig im Morgenwinde weht, wenn der Konsul an Bordkommt und beim Knallen der Champagnerstöpsel die Gläserklingen, wenn das unterseeische Kabel all dies Herrliche uachHause berichtet, — wie klein und eng erscheint dann derMann, der sich untersteht zu fragen, ob der draußen ge-