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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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eine Quantität Mehl kauft, oder in Dänemark einige PfundFleisch, und wenn er, um dies über die Grenze zu bringen,an dem Zollamte dafür, sagen mir fünfzig Pfennige, er-legen muß, so hat er besagtes Mehl oder Fleisch um ebendieselben fünfzig Pfennig teurer bezahlt, als wenn er ohnediese Auslage mit seinem Einkauf über die Grenze hättegehen können. Sehr lauge hatten wir gezweifelt, ob sichdas wirklich so verhalte. Und Sie, geehrte Herren, habenunsere Zweifel in Ihrer großen Mehrheit geteilt. Mitvollem Recht durften Sie damals annehmen, daß nurblinder Widerspruchsgeist und die Gewohnheit negativenVerhaltens sich weigern konnten, dem größten aller lebendenStaatsmänner in seinem populären Feldzug gegen dasEinmaleins zu folgeu.

Aber, m. H.! immerhin den Thatsachen müssen wirals praktische Männer Rechnung tragen. Und Thatsache ist es, daß Fleisch und Brot jenseits unserer Grenzen wohl-feiler sind, als in Deutschland . Wir stellen Ihnen anheim,ob Sie es für angezeigt halten wollen, eine Kommissionaus Ihrer Mitte an unsere östlichen Grenzen zu schicken.Dieselbe wird sich dort überzeugen können, daß Tag undNacht unzählige kleine Leute in das Nachbarland gehen,um Fleisch und Brot zu kaufen und es in den beschränktenQuantitäten, welche zollfrei sind, nach Hause zu tragen.Wir vermuten, die Kommission wird feststellen, daß dieLeute das nicht zum Vergnügen thun. Und wir vermutenferner, daß sämtliche Bewohner des Deutschen Reiches eben-falls ihr Fleisch und Brot gern auf dieselbe Weise billigerkaufen möchten, wenn ihnen die Entfernung von der Grenzeund das Zollgesetz nicht im Wege stünden.

Geehrte Herren! Sie wissen, daß die Könige vonPreußen von jeher ihren Stolz darein gesetzt haben, geradedie minder Begüterten ihrer Unterthanen zu schützen und

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