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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Hunger als irgend einer von uns, und es fehlt ihnennicht am guten Willen zu helfen. Aber zwölf Jahre derSinnverwirrung haben in der Welt die Köpfe so verrücktgemacht, daß die einfache Rückkehr znr Wahrheit jetzt wieeine kolossale Neuerung erscheint, zu der man sich so kurz-weg nicht entschließen dürfte.

Denn nicht bloß bei uns steht es ja so. Wir habenSchule gemacht, denn wir waren ja seit zwanzig Jahrendie leitende Nation auf dem Kontinent. Und nichts istleichter, als für Sinnverwirrung und beschränkten EigennutzPropaganda zu machen. Nicht bloß der Russe zeigt, wieder bekannte Spruch sagt, den Barbaren, wenn man dieOberfläche abkratzt, sondern auch der übrige Teil der mehr'oder weniger zivilisierten Menschheit. Was wir in denRepubliken von Amerika und Frankreich neuerdings anwirtschaftlichem Aberwitz erlebt haben und erleben, enthebtuns jeder Notwendigkeit, uns auf nationaler Grundlage zuschämen. Die Barbarei in der Handelspolitik fand in derWeltanschauung des Fürsten Bismarck einen verwandtenGrundzug. Den Handel, welchen die Zivilisation als einWerkzeug der Kultur ansieht, sah er in der Stille für Be-trug an. Gar oft blickt in seinen Reden der Gedankedurch: wer verkauft, sucht zu betrügen, wer kauft, muß sichvor dem Betrug hüten; wer kauft, schädigt sich, wer ver-kauft schädigt den andern; jeder Tausch wird zwischen zweiLeuten abgeschlossen, einem Betrüger und einem Betrogenen.Daher stellte er an die Spitze seiner Politik bei Abschlußvon Handelsverträgen das Leitmotiv: Wer ist der Be-trogene? Hui troraxg-t-oii ioi? So bezeichnete er esselbst im Reichstag mit dem berühmten Satz aus der Ko-mödie des Beaumarchais unter dem Beifall seiner Bewun-derer. Das ist genau der Standpunkt wilder Völkerschaftenin Handel und Wandel. Umgekehrt, je höher die Kultur